Schian: Die christlichen Kirchen im Weltkrieg
gekommen. Stehen auf evangelischer Seite Kirchen
egen Kirchen, so auf katholischer Kirchenteile gegen
Kächenteile und der Gegensatz ist hier nicht im min-
desten schwächer als dort. Die katholischen Volksteile
in Deutschland und ÖOsterreich--Ungarn haben sich mit
ganz unbedeutenden Ausnahmen genau so kräftig auf
die Seite ihrer Länder gestellt wie die Katholiken Frank-
reichs und Belgiens auf die Gegenseite. Höchstens
kann man sagen, daß die katholischen Iren der eng-
lischen Sache gegenüber größere Zurückhaltung beob-
achtet haben. Die entschiedenen Katholiken Italiens
wünschten den Eintritt ihres Landes in den Krie
anfangs nicht, haben aber, als gegen diesen Wunf
entschieden war, sofort ihre Stellung entsprechend ihrer
vaterländischen Zugehörigkeit genommen. Die Ka-
tholiken Rußlands waren, wie es der Stimmung des
Polentums entspricht, in ihrer Stellungnahme nicht
einheitlich. — Am schärfsten ist die nationale Zerspal-
tung zwischen Deutschland einerseits, Frankreich-Bel-
gien anderseits zum Ausdruckgekommen für die Sache
der letztgenannten Mächte haben auch die Bischöfe, ja
die Kardinäle der beiden Länder mit allem Nachdruck
Partei genommen. Unter umfassender Mitwirkung
der französischen Bischöfe ist die Schrift „La guerre
allemande et le Catholicisme-(Paris, Bloud u. Gay)
zustande gekommen; Kardinal Amietite von Paris
hat ihr ein Geleitwort mitgegeben. Diese Schrift ver-
folgt gan offensichtlich den Frei, die gesamte katho-
lische Welt gegen Deutschland aufzustacheln; sie sucht
mit allen, auch den gröbsten Mitteln, den Krieg als
Religion krieg hinzustellen; Frankreich wird als
Freund Christi und Diener der heil. Kirche geschildert;
das Wort der Jeanne d’'Arc wird wiederholt: Krieg
führen gegen Frankreich heißt Krieg führen gegen
Gott-. Ein deutscher Sieg würde, so sucht dieses gif-
tige Tenden zwerk zu beweisen, für den Katholizismus
vernichtend sein. Durch Ausmalung und Aufzäh-
lung deutscher Greueltaten will es dartun, daß das
deutsche Heer den Feldzug in Belgien und Frankreich
eradezu als Krieg gegen den Katholizismus geführt,
sgstemhtisch Kirchen geschändet und zerstört, Geistliche
unschuldig erschossen und Nonnen vergewaltigt habe.
Die deunf e Gegenschrift = Der deutsche Krieg und
der Katholizismus (Berlin 1915), verfaßt von Prof.
Rosenberg, verzichtete auf Benutzung der Autorität
des Episkopats, um der Welt das Schauspiel des
Kampfes katholischer Bischöfe gegeneinander zu er-
sparen. Doch sprachen die beiden deutschen Kardinäle
Bettinger und Hartmann im Namen aller deutschen
Bischöfe dem Kaiser telegraphisch ihre Entrüstung
über die Verunglimpfung des deutschen Vaterlands
und seines Heeres durch jene Schrift aus und kün-
digten an, daß sie beim Papst Beschwerde führen wür.
den. Ferner vereinigten sich zwanzig katholische Ge-
lehrte in dem von Georg Pfeilschifter herausgegebenen
Werke --Deutsche Kultur, Katholizismus und Welt-
kriege (Freiburg 1915) zu gemeinsamer Abwehr der
französischen Verleumdungsschrift. — Kardinal Mer-
cier von Mecheln hat seine Stellung dazu benutzt,
um die Bewohner Belgiens gegen die Deutschen, die
das Land besetzt halten, zu erregen. Sein Weih-
nachtshirtenbrief 1914 schilderte in krassen Farben
die deutschen F Greueltatene so, daß ganz besonders
Priester und Religiosen als ihre Opfer erschienen; er
sprach über die Pflichten gegen die deutsche Obrigkeit
in einem Ton, der seine Diözesanen geradezu in die
Opposition hineintreiben mußte. Die Verlesung des
Hirtenbriefs in den Kirchen wurde vom Generalgou-
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vernement verboten, das Verbot aber von der ande-
ren Seite zu einer Hetze gegen Deutschland benutzt.
Es scheint, daß der Papst in einigen Sätzen seiner im
geheimen Konsistorium 22. Januar 1915 gehaltenen
Ansprache diese Haltung Merciers hat mißbilligen
wollen. — Im Verfolwg aller dieser Geschehnisse ist von
einer Gefahr der Nationalisierung auch mit bezug
auf die katholische Kirche gesprochen worden (Pfeil-
schifter). Jedenfalls sind die Schwierigkeiten einer
internationalen Kirche noch niemals in der neueren
Weltgeschichte dermaßen deutlich hervorgetrelen wie
jetzt. Doch ist als sehr wahrscheinlich anzusehen, daß
die in den letzten Jahrzehnten so außerordentlich ge-
festigte einheitliche Organisation der katholischen Kirche
auch diese Schwierigkeiten überwinden wird.
Auf die inneren Verhältnisse der katholischen Kirche
hat der Krieg, auch von der religiösen Bewegung
(vgl. S. 324) abgesehen, mancherlei Einfluß geübt.
Daß der katholische Volksteil in Deutschland ebenso
freudig wie der protestantische fürs Vaterland ein.
steht, ist von allen Seiten rundweg anerkannt worden.
Der Umstand, daß katholische Geistliche in den Reichs-
landen eine franzosenfreundliche Gesinnung betätigt
haben, darf dem Katholizismus ebensowenig zur Last
gelegt werden, wie dem Protestantismus die Tatsache.
daß auch einige evangelische Pfarrer aus gleicher Ur-
sache bestraft worden sind. Daran ändert auch nichts,
daß zwei katholische FPriester geradezu ins französische
Lager übergegangen sind: der Reichtagsabgeordnete
Wetterlé und der Metzer Ehrendomherr Collin. Be-
fremdlich war eher der Umstand, daß der letztere im
Schematismus des Bistums Metz 1915 nach wie vor
unter der Zahl der Domherren aufgeführt ward; die
Streichung wurde erst Herbst 1915 verfügt und die
Tatsache, daß ein kirchliches Strafverfahren Gegen
ihn nicht eingeleitet ist, damit begründet, daß Collin
zur Zeit unerreichbar, daher die nach kanonischer Vor-
schrift erforderliche Zustellung der Anklageschrift un-
möglich ist. Dem Französisch sprechenden Klerus der
Grenzgebiete gegenüber erklärt auch ein katholischer
Theolog wie Pfeilschifter eine zurückhaltende und
wachsame Vorsicht für geboten (a. a. O., S. 85). Die
wirklich vorgekommenen landesverräterischen Taten
haben zur Entstehung verallgemeinernder und über-
treibender Gerüchte geführt, gegen die nicht nur die
bischöflichen Ordinariate von Straßburg, Metz und
Freiburg mit öffentlichen Kundgebungen vom August
und September 1914, sondern auch Zivil- und Militär.
behörden energisch auftraten. Mittelbar ist die katho-
lische Kirche auch an der durch den Krieg hervorge-
rufenen Gestaltung der Verhältnisse in Posen beteiligt.
Nach langjähriger Sedisvakanz wurde der erzbischöf-
liche Stuhl von Posen-Gnesen alsbald nach Kriegs-
ausbruch durch einen Polen, den Weihbischof Likowsli,
besetzt; nach dessen Tod wurde wieder sehr rasch ein
Pole, Edmund Dalbor, sein Nachfolger. Für die
Militärseelsorge stellte sofort bei Kriegsanfang der
Jesuitenorden seine Kräfte zur Verfügung, und die
Militärbehörde nahm, soweit Jeuiten deutscher Reichs-
angehörigkeit in Frage kamen, das Anerbieten an.
In der Budgeilommission des Rcichstags beantragte
das Zentrum, -sämtliche gegen einzelne Teile des
deutschen Volkes gerichtete gesetzliche Ausnahme-
bestimmungen alsbald aufzuheben, insbesondere das
Jesuitengesetz und den sog. Sprachenparagraphen im
Vereinsgesetz#. Der Reichstag nahm 20. März 1915
den Antrag an: »den Bundesrat zu ersuchen, die
gegen einzelne Teile des deutschen Volkes gerichteten