Full text: Ereignisse und Gestalten 1878-1918

auf fast mittelalterliche Prachtentfaltung mehr Wert gelegt wurde, 
als im deutschen Kaiserreiche. 
Das französische Verhalten in Marokko, das mit der Algeciras- 
akte nicht mehr recht in Einklang zu bringen war, hatte wiederum 
die Aufmerksamkeit der Diplomaten auf sich gelenkt. Der Kanzler 
hatte mich daher gebeten, wenn sich Gelegenheit dazu böte, die An- 
sicht des Königs Georg über die Marokkanische Frage zu hören. Ich 
fragte ihn, ob er der Ansicht sei, daß die französische Handlungsweise 
sich noch mit der Algecirasakte vertrage. Der König meinte, eigent- 
lich bestehe die Akte nicht mehr, und man tue wohl am besten, sie 
der Vergessenheit anheimzugeben. Die Franzosen machten ja im 
Grunde in Marokko nichts anderes, als was die Engländer seiner- 
zeit in Ägypten auch getan hätten. England werde deshalb den 
Franzosen keine Schwierigkeiten in den Weg legen, sondern sie ge- 
währen lassen, man solle sich mit dem fait accompli der Besetzung 
abfinden und sich wegen kommerzieller Sicherungen mit Frank- 
reich arrangieren. — Der Besuch verlief bis zuletzt harmonisch, 
und die Einwohner aus allen Schichten Londons gaben ihrer 
Sympathie Ausdruck, sobald sie der Gäste ihres Königs ansichtig 
wurden. 
So konnte das deutsche Kaiserpaar mit den besten Eindrücken 
heimkehren. Als ich diese dem Kanzler mitteilte, äußerte er große 
Zufriedenheit. Aus den Bemerkungen des Königs Georg entnahm 
er, daß England die Algecirasakte als nicht mehr bestehend betrachte 
und auch der Besetzung Marokkos keine Schwierigkeiten bereiten 
werde. Daraus entwickelte sich die von ihm und dem Auswärtigen 
Amte befolgte Linie, welche zum Agadirfall führte, dem letzten 
ebenfalls mißglückten Versuch, Einfluß in Marokko zu behalten. 
Die Lage spitzte sich zu während der Kieler Woche. Das Aus- 
wärtige Amt unterbreitete mir seine Absicht, den „Panther“ nach 
Marokko zu schicken. Ich habe starke Bedenken gegen diese Maß- 
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