auf fast mittelalterliche Prachtentfaltung mehr Wert gelegt wurde,
als im deutschen Kaiserreiche.
Das französische Verhalten in Marokko, das mit der Algeciras-
akte nicht mehr recht in Einklang zu bringen war, hatte wiederum
die Aufmerksamkeit der Diplomaten auf sich gelenkt. Der Kanzler
hatte mich daher gebeten, wenn sich Gelegenheit dazu böte, die An-
sicht des Königs Georg über die Marokkanische Frage zu hören. Ich
fragte ihn, ob er der Ansicht sei, daß die französische Handlungsweise
sich noch mit der Algecirasakte vertrage. Der König meinte, eigent-
lich bestehe die Akte nicht mehr, und man tue wohl am besten, sie
der Vergessenheit anheimzugeben. Die Franzosen machten ja im
Grunde in Marokko nichts anderes, als was die Engländer seiner-
zeit in Ägypten auch getan hätten. England werde deshalb den
Franzosen keine Schwierigkeiten in den Weg legen, sondern sie ge-
währen lassen, man solle sich mit dem fait accompli der Besetzung
abfinden und sich wegen kommerzieller Sicherungen mit Frank-
reich arrangieren. — Der Besuch verlief bis zuletzt harmonisch,
und die Einwohner aus allen Schichten Londons gaben ihrer
Sympathie Ausdruck, sobald sie der Gäste ihres Königs ansichtig
wurden.
So konnte das deutsche Kaiserpaar mit den besten Eindrücken
heimkehren. Als ich diese dem Kanzler mitteilte, äußerte er große
Zufriedenheit. Aus den Bemerkungen des Königs Georg entnahm
er, daß England die Algecirasakte als nicht mehr bestehend betrachte
und auch der Besetzung Marokkos keine Schwierigkeiten bereiten
werde. Daraus entwickelte sich die von ihm und dem Auswärtigen
Amte befolgte Linie, welche zum Agadirfall führte, dem letzten
ebenfalls mißglückten Versuch, Einfluß in Marokko zu behalten.
Die Lage spitzte sich zu während der Kieler Woche. Das Aus-
wärtige Amt unterbreitete mir seine Absicht, den „Panther“ nach
Marokko zu schicken. Ich habe starke Bedenken gegen diese Maß-
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