Full text: Kriegführung und Politik.

310 IX. Der Ausgang. 
den Volksgeist ausgegangen und starke Taten zu verzeichnen ge— 
wesen wären. So vermochte sie ihren Standpunkt, daß ohne Verzug 
zu handeln sei, nicht aufzugeben. 
Die Note ging „trotz dem Drängen“ der O. H. L. erst am 
5. Oktober nach Washington — nach den Wünschen des Reichs- 
kanzlers war der früheste Zeitpunkt dafür der 9. Oktober. 
Der Leser mag auch hier selbst urteilen, also sich in diesem Falle 
darüber klar werden, ob ein nur wenige Tage hinausgeschobener 
Abgang der Note den Eindruck unserer Anerkennung der Friedens- 
bedürftigkeit beim Feinde, der große militärische Erfolge errungen 
hatte, gemindert haben würde. Nicht in dem „Drängen“ der O. H. L. 
lag der Fehler; sie sprach sich ja — im engsten Kreise, sozusagen 
unter vier Augen — nur gegenüber dem Vizekanzler, dem Reichs- 
kanzler und den Abgeordneten aus, die ihr von der Regierung zu- 
geführt wurden. Der Fehler lag darin, daß der Reichskanzler früher 
das Volk und den Reichstag nicht aufgeklärt hatte, und daß er es 
jetzt durch einen Offizier tun ließ, daß die Mehrheit des Reichstages 
wiederum allein innere Politik trieb, statt an Krieg und Heer zu 
denken, daß Abgeordnete der Polen, Dänen und Elsaß-Lothringer 
und der Unabhängigen Sozialdemokratie in den Stand der Dinge 
voll eingeweiht und in Berlin sofort Mitteilungen verbreitet wurden, 
die O. H. L. dränge auf einen Waffenstillstand und habe ihre Nerven 
vollständig verloren. Polen, Dänen, Elsaß-Lothringer glaubten 
nun, die Zeit der „Befreiung“ sei für sie gekommen. Die Mehrheits- 
parteien und die Unabhängige Sozialdemokratie fühlten ihre 
Stunde nahen. Die den Staat zerstörende Arbeit dieser Partei im 
Lande erhielt gewaltigen Antrieb. 
Die feindlichen Mächte erfuhren alles haarklein; rühmt sich 
doch Korfanty, England und Frankreich mit Nachrichten versehen zu 
haben. In einem Briefe vom 17. Mai 1921 schreibt Korfanty an 
Lloyd George: „Gewisse Kreise in England und Frankreich könnten 
Sie unterrichten, daß ich, während des Krieges in Berlin lebend, 
mein Leben riskiert habe, um den Interessen Englands und Frank- 
reichs zu dienen.“ Die Haltung des Dänen Hansen war ähnlich. 
Wie mußte jetzt durch die Meldung aus Berlin über die Zustände