Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

II.  Die  Behauptung  Schlesiens  u.  die  Anerkennung  als  europ.  Macht.  35

sechs  Wochen  den  Frieden  zu  vermitteln.  Aber  weder  in  Wien
noch  in  Dresden  dachte  man  daran.  Vielmehr  schlossen  Oesterreich
  und  Sachsen  am  29.  August  ein  neues  engeres  Bündnis,
  und  ihre  Zuversicht  stieg,  als  am  13.  September  gegen  den
Einspruch  von  Brandenburg  und  Pfalz  Franz  Stephan  in
Frankfurt  zum  Kaiser  gewählt  wurde.  Friedrich  freilich  maß
diesem  Erfolge  seiner  Gegner,  so  unbequem  er  ihm  augenblicklich
  war,  Bedeutung  für  die  Zukunft  nicht  bei.  Durch  den
kläglichen  Ausgang,  den  der  Versuch  zur  Organisation  der
reichsfürstlichen  Opposition  in  der  Union  genommen  hatte,  war
er  vollends  von  der  Unbrauchbarkeit  und  Hinfälligkeit  des  Reiches
und  seiner  Organe  überzeugt  und  meinte  damit  zufrieden  sein
zu  können,  daß  wenigstens  das  geplante  Kaisertum  des  Kurfürsten
  von  Sachsen  und  Königs  von  Polen  nicht  zu  stande
gekommen  war.

Uebler  war,  daß  auch  militärisch  die  Dinge  nicht  nach
Wunsch  gingen.  Wie  im  Jahre  1744  machte  die  Verpflegung
in  Böhmen  Schwierigkeiten,  die  den  König  nötigten,  sich  mehr
nach  der  schlesischen  Grenze  zu  ziehen.  Deshalb  versagte  sich
der  Wiener  Hof  der  erneuten  englischen  Vermittelung  und  wies
Karl  von  Lothringen  an,  einen  entscheidenden  Schlag  zu  führen.
Auch  schien  das  Glück  diesem  diesmal  günstig.  Bei  Trautenau
lagernd,  wurde  Friedrich  beinahe  von  ihm  überrascht  und  würde,
zumal  er  sein  Heer  durch  starke  Detachierungen  zur  Säuberung
Oberschlesiens  und  Beobachtung  Sachsens  geschwächt  hatte  —
wie  er  ehrlich  zugestand,  verdientermaßen  —  geschlagen  sein,
hätte  er  nicht  die  begangenen  Fehler  kühn  entschlossen  gut  gemacht,
  indem  er  ohne  Rücksicht  auf  die  Vorteile,  die  ihnen
ihre  Stellung  auf  sicherer  Höhe  gewährte,  die  Feinde  seinerseits
am  30.  September  bei  Soor  angriff  und  in  wenigen  Stunden
einen  Sieg  erfocht,  der  zwar  weniger  glänzend  war  als  der
von  Hohenfriedberg,  aber  ruhmreicher  noch,  weil  er  unter
schwierigeren  Umständen  gewonnen  wurde.  Auch  an  ihm  hatte
neben  der  Genialität  des  königlichen  Feldherrn,  der  wieder  im
entscheidenden  Augenblick  selbst  handelnd  eingriff,  und  der  Hingebung
  und  Geschicklichkeit  seiner  Generale,  die  er  dankbar  als
Bürgschaft  begrüßte  für  den  Ruhm  und  die  Ehre  der  preußischen