Volltext: Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Beginnende Auflösung der großen Herzogtümer. 179 
rend Heinrich und Welf VI. in ihren Gebieten keinen Nebenbuhler besaßen, 
vielmehr alle ohne Zögern ihrem Willen gehorchten. Der Verzicht auf die 
bayrische Ostmark kommt gegen solche Vorteile der Welsen für diese gar nicht 
in Betracht. Man mussich wohl fragen, warum Friedrich, der lluge Politiker, 
der doch keinen Schritt ohne Uberlegung und bestimmten Zweck tat, selbst mit 
daran arbeitete, das rivalisierende Haus zu solcher Höhe zu erheben? Es war 
für ihn schon bei seiner Königswahl eine Notwendigkeit gewesen, sich die 
Welfen durch bestimmte und wichtige Zusagen zu Verbündeten zu machen; 
auch nunmehr hatte er keine Wahl, solche Verheißungen zu erfüllen oder 
nicht. Denn er konnte seine imperialistische Politik nur durchzuführen hoffen, 
wenn er die Welfen und deren Anhänger auf seiner Seite hatte. Gewiß hat 
er sich nicht verhehlt, daß die Zeit kommen könne, wo die übergroße Macht 
des welfischen Hauses sich gegen ihn und sein eigenes Geschlecht erheben 
werde. Aber diese Möglichkeit mußte er in den Kauf nehmen, wenn er bei 
seinen Plänen beharrte, das Römische Kaisertum zu einer Wahrheit zu 
machen. Es wäre verkehrt, ihn deshalb zu schelten. Zu seiner Zeit lebte die 
Welt in dem Gedanken von den beiden universellen Gewalten: der päpstlichen 
und der kaiserlichen, die überdies als aufeinander angewiesen betrachtet 
wurden. Es konnte sich nur darum handeln, ob das Kaisertum bei den 
Deutschen bleiben oder von einer anderen Nation beansprucht und über- 
nommen werden solle. Wer möchte es da dem kräftig aufstrebenden deutschen 
Könige verdenken, daß er die Kaiserkrone seinem Volke, seimem Geschlechte, 
sich selbst zu bewahren und ihr zur Weltmacht zu verhelfen gedachte? 
Unter diesem Gesichtspunkte mußte er freilich den deutschen Fürsten, auf 
die er angewiesen war, Zugeständnisse machen: dem Babenberger Heinrich 
ebenso gut wie dem Welfen. Die Teilung Bayerns in zwei Herzogtümer 
kränkte sicher den Kaiser wenig, schien ihm vielmehr eine Schwächung der 
Kraft beider Fürsten und deshalb ein Vorteil für die Zentralgewalt. Aber er 
mußte die Zustimmung Hemrichs Jasomirgott zu dem Verzichte auf Bayern 
durch beträchtliche Schwächung des oberherrlichen Einflusses auf Osterreich 
erkaufen; er vermochte das nicht zu vermeiden, wenn er nicht die alten An- 
hänger der staufischen Familie durch einen Gewaltsteich gegen den Baben- 
berger auf das tiefste kränken wollte. So gehorchte er einer Notwendigkeit, 
die ihn, mit seinem oder gegen seinen Willen, mit fortriß. Im ganzen meinte 
er durch die Befriedigung beider Fürsten die Eintracht Deutschlands und da- 
mit dessen Offensivkraft nach außen und zumal in Italien gesichert zu haben; 
und deshalb überwog bei ihm das Gefühl der Genugtuung und der Freude. 
Heinrich der Löwe ging inzwischen sicher, Schritt für Schritt, auf der Bahn 
allmählicher Machtvergrößerung weiter. Hätte ihn doch sein brennender Ehr- 
geiz nie von ihr entfernt und zu einem Wettlaufe angespornt, der seine Kräfte 
überstieg)