Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

300  Ulrich  Stutz.

unten  und  außen  nicht,  trägt  vielmehr  ein  auffallend  unlirchliches,  ja  unchristliches  Gepräge
an  sich.  Die  Einzelnen  stehen  für  dies  Recht  durchaus  im  Vordergrund,  und  es  eignet  ihm
ein  stark  wirtschaftlicher  Zug,  was  ihm  einen  ausgesprochen  subjektiven  und  privatrechtlichen.
Charakter  verleiht.  Mit  Hilfe  des  wieder  hervorgezogenen  altlirchlichen  Rechtes  von  dem
reformierten  Papsttum  untergraben,  sinkt  die  Herrschaft  des  Germanismus  um  1150  mit  der
Geburt  der  Kirchenrechtswissenschaft  in  den  Staub.  Manche  seiner  Einrichtungen  leben  noch
jahrhundertelang  als  machtvolles  deutsches  Kirchenrecht  sort.  Aber  das  germanische  Gepräge
des  Ganzen  ist  für  immer  dahin.

Stutz,  Eigenkirche  (6  7);  Brunner,  Deutsche  Rechtsgeschichte  II,  1892,  3  96,  Grundzüge
der  deutschen  Rechtsgeschichte  “,  1913,  5  20,  sowie  in  dieser  Encyklopädie  I/S.  94  .;  Schröder,
Deutsche  Rechtsgeschichte  ",  1907,  z2i;  Hauck,  Kirchengeschichte  Deutschlands,  besonders  I1  u.  "„
III,  3  u.“,  1906—1912;  K.  Maurer  „  Vorlesungen  über  altnordische  Rechtsgeschichte,  II,  Über

altnordische  Kirchenverfassung  und  Eherecht,  1908;  Herwegen,  Germanische  Rechtssymbolik
in  der  römischen  Liturgie,  Beyerles  Deutschr.  Beiträge  VIII,  11,  1913.

8  17.  Quellen.

Um  das  Kirchenrecht  so,  wie  es  in  dieser  Periode  tatsächlich  gegolten  hat,  wirklich  kennen.
zu  lernen,  muß  man  sich  an  die  Fülle  der  Urkunden  und  Formeln  (oben  1,  S.  82  ff.;  dazu  liber
diurnus,  Formelbuch  der  päpstlichen  Kanzlei,  unter  Hadrian  I.  im  wesentlichen  abgeschlossen)
halten.  Daneben  kommen  die  Beschlüsse  der  Reichs-  und  Teilkonzilien  in  Betracht  sowie  die
Diözesansynoden,  von  denen  letztere  bloß  Zeugnisse  kirchlicher  Ubung,  erstere  in  karolingischer
Zeit  nicht  mehr  als  kirchliche  Forderungen,  in  nachkarolingischer  dagegen  wahres  Kirchenrecht
sind.  Die  capitularia  eeclesiastica  (1.  und  2.  Buch  der  Sammlung  des  Ansegis  827,  oben  1
S.  82)  enthalten,  was  von  den  synodalen  Wünschen  vor  den  Augen  des  Königs  als  Gesetzgebers
  der  Kirche  Gnade  gefunden,  indes  die  capitularia  mundana  einigen  kirchlichen  Bestimmungen
  sogar  die  Geltungskraft  weltlichen  Rechts  verleihen.  Dem  praktischen  Kirchendienst
dient  das  Sendhandbuch  (um  906)  Reginos,  weiland  Abtes  zu  Prüm  in  der  Eifel,  sowie  das
auch  von  anderen  systematischen  Sammlungen  (z.  B.  von  Ivo  von  Chartres,  f  1116,  im
Decretum  und  in  der  Panormia)  zum  Muster  genommene,  für  Wormser  Bedürsnisse  frei  zurechtgemachte
  Decretum  (1008—10122)  des  Bischofs  Burchard  von  Worms.

Tonrat  (Cohn),  Geschichte  der  Quellen  und  Literatur  des  römischen  Rechts  im  früheren
Mittelalter,  1I,  1891;  Rabani  Mauri  (Abt  von  Fulda,  1  856  als  Erzbischof  von  Mainz)  de  institutione
  clericorum  libri  III,  ed.  Knoepfler  ',  1901;  Walahfridi  Strabonis  (7  849,  Abt  von
Reichenau)  libellus  de  Ne  kordüs  et  incrementis  rerum  ecclesiasticarum,  in  M.  G.  h.  Capitularia  II,
19  Th.  Sickel,  liber  diurnus  Romanorum  pontificum,  1889,  und  in  Wiener  Ak.  S.  B.,
phil.-hist.  Kl.,  CXVII,  1889;  Duchesne,  Le  liber  diurnus,  B.  é6.  d.  ch.  I,  II,  1891;  Hartmann,
  Die  Entstehungszeit  des  liber  diurnus,  M.  d.  J.  f.  ö.  G.  XIII,  1892;  Kösters,  Studien
zu  Mabillons  römischen  Ordines,  Freiburger  phil.  Diss.,  1905;  Dubois,  De  concillis  et  theologicis
  disputationibus  apud  Francos  Carolo  Magno  regnante  habitis,  These,  1903;  Werminghoff,
  Verzeichnis  der  Akten  fränkischer  Synoden  von  742—918,  N.  A.  XXIV  und  XXVI,  1899.
und  1901,  und  auch  XXVII,  1902,  Zu  den  fränkischen  Reformsynoden  des  8.  Jahrhunderts,  N.  A.
XXXII,  1907,  Zu  den  bayrischen  Synoden  am  Ausgang  des  8.  Jahrhunderts,  Festschrift  f.
Brunner,  1910;  Koeniger,  Beiträge  zu  den  fränkischen  Kapitularien  und  Synoden,  A.  f.  k.  Kr.
LXXXVII,  1907;  Krause,  N.  A.  XIX,  1894,  und  vor  allem  M.  G.  h.  Concilia  II  1,  2,  1906,
1908,  Concilia  acvi  Karolint  I  ed.  Werminghoff;  Schannat  et  Hartzheim,
doncilia  Germaniae,  II  Bde.,  1769  ff.;  Conrat  Coh  n)  „Die  lex  Romana  canonice  compta,
1904;  Fournier,  L'origine  de  la  collection  Anselmo  dedicata,  Mélanges  Girard,  1912;
Reginonis  abbatis  Prumiensis  libri  duo  de  synodalibus  causis  et  erclesiastieis  diseiplinis,  ed.
Wasserschleben,  1840;  Wawra,  De  Reginone  Prumiensi,  Breslauer  kath.-theol.  Diss.,
1900;  Hauck,  Über  den  liber  decretorum  Burchards  von  Worms,  Sächs.  Gesellsch.  d.  Wissensch.,
1894:;  Koe-  nig  er,  Burchard  J.  von  Worms  und  die  deutsche  Kirche  seiner  Zeit,  Veröff.  aus
dem  Münchner  kirchenhist.  Sem.  II,  7,  1905;  Died  erich  b„,Das  Dekret  Bischof  Burchards  von
Worms  I,  Breslauer  kath.-theol.  Di.  ,  1908;  Fournier,  Etudes  critiques  sur  le  décret  de
Burchard  de  Worms,  N.  r.  h.  XXXIV,  1910  (auch  sep.),  Le  décret  de  Burchard  de  Worms,  R.
h.  e.  XII,  1911  (auch  sep.),  De  quelques  collections  canoniques  issues  du  decret  de  Burchard,
in  Melanges  Paul  Fabre,  1902,  Observations  sur  diverses  recensions  de  la  collection  canoniqued'Anselme
  de  Lucques,  Annales  de  l'univervité  de  Grenoble  XIII,  1901,  Les  collections  canoniquesattribuéses
  A  Tves  de  Chartres,  B.  é.  d.  ch.  LVII,  LVIII,  1896—97.  Fves  de  Chartres  et  le
droit  canonique,  Compte  rendu  du  4e  congres  scientifique  international  des  cathol.  5  e  sect.,
Fribourg.  1895,  und  R.  d.  h.  LXIII,  1898;  Schmidt,  Der  hl.  Ivo,  Bischof  von  Chartres,