Full text : Militär-Rechtliche und Militär-Ethische Abhandlungen.

Der  militärische  Landesverrath.  197

Neben  den  Landesgesetzen  kam  in  den  verschiedenen  Territorien
des  Reiches  auclhı  das  römische  Recht  zur  Anweuduug.  Die  Doctrin
fasste  bis  zum  vorigen  Jahrhundert  die  Verbrechen  der  Majestätsbeleidigung,
  des  Hoch-  und  Landesverrathes  im  Anschlusse  an  die  Lex
Julia  majestatis  als  einen  Verbrechensbegriff  auf.  Erst  in  den  neuen
Gesetzbüchern  ist  infolge  des  vorgeschrittenen  völkerrechtlichen  Bewusstseins
  der  Landesverrath  vom  Hochverrath  geschieden.  Bei  dem
Verbrechen  des  Hochverrathes  wird  der  Staat  als  ein  für  sich  bestehendes
  Ganzes  gedacht,  beim  Landesverrath  hingegen  als  eine  im  völkerrechtlichen
  Verkehr  stehende  Persönlichkeit.  Nach  dem  Charakter  der
strafbaren  Handlungen  wird  der  diplomatische  und  der  militärische
Landesverrath  unterschieden.  Der  diplomatische  Landesverrath  wird
begangen  durch  Verrath  von  Staatsgeheimnissen,  durch  Unterdrückung
von  Staats-Urkunden,  Verrath  bei  Führung  von  Staatsgeschäften  u.  s.  w.
Wir  haben  es  hier  nur  mit  dem  militärischen  Landesverrath  zu
thun,  welcher  die  gegen  die  Kriegsmacht  des  Staates  begangenen  Delicte
  umfasst.

Der  militärische  Landesverrath  wird  begangen,  wenn
sich  ein  Unterthan  eines  Staates  mit  einer  fremden  Regierung
  in  Verhandlungen  einlässt,  um  dieselbe  zu  einem
Kriege  gegen  das  eigene  Vaterland  zu  veranlassen.  Desgleichen
  begeht  einen  Landesverrath  ein  Staatsangehöriger,
  welcher  während  eines  gegen  sein  Vaterland
ausgebrochenen  Krieges  im  feindlichen  Heere  Dienste
nimmt,  oder,  wenn  er  bereits  früher  in  feindlichen  Kriegsdiensten
  stand,  nach  ausgebrochenem  Kriege  in  denselben
  verbleibt.

Nach  deutschem  Strafrecht  kann  sich  der  beiden  Arten  des  Landesverrathes
  (§§  87  u. 88)  ein  Deutscher  (d.  h.  ein  Angehöriger  des  Deutschen
Reiches)  und  ein  Ausländer  nur,  wenn  er  sich  unter  dem  Schutze
des  Reiches  oder  eines  Bundesstaates  innerhalb  des  Bundesgebietes  aufhält,
  schuldig  machen.  Welchem  Bundesstaate  (ob  Preußen,  Bayern,
Sachsen  u.  s.  w.)  der  Deutsche  angehört,  ist  gleichgiltig,  da  ein  deutscher
Krieg  nur  ein  Reichskrieg  sein  kann,  die  kriegführende  Macht  nur  das
Reich,  nicht  die  Gesammtheit  der  Bundesstaaten  ist,  und  es  sich  daher
bei  dem  militärischen  Landesverrath  um  die  dem  Reiche,  nicht  dem
einzelnen  Bundesstaate  schuldige  Treue  handelt.¹)  Eine  analoge  Bestimmung
  enthält  der  Entwurf  des  österreichischen  Civil-Strafgesetzes.
Nach  demselben  macht  sich  jeder  Angehörige  der  Monarchie  eines  militärischen
  Landesverrathes  schuldig,  welcher  während  eines  gegen  die

¹)  Holtzendorff,  „Handbuch  des  deutschen  Strafrechts",  III.  Bd.,  S.  47.