Full text : Quellen und Studien zur Verfassungsgeschichte des Deutschen Reiches in Mittelalter und Neuzeit. Traktat über den Reichstag im 16. Jahrhundert. (1)

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auch  theoretisch  darüber  gesagt  werden  mag,  Thatsache  ist,  daß  man  sie
weniger  fühlt.  Es  ist  schwer  zu  berechnen,  wie  viel  der  Einzelne  bezahlt,
  wie  viel  auf  andere  Mitbürger  abgebürdet  wird.  Von  der  Klassensteuer
  weiß  er  ganz  genau,  was  auf  ihn  kommt,  —  und  es  ist  wunderbar,
  wenn  man  bei  indirekten  Steuern  mit  einem  Mitleid,  was  ich  mir
früher  einmal  als  heuchlerisch  zu  bezeichnen  erlaubte,  von  der  Pfeife  des
armen  Mannes,  von  dem  Licht  des  armen  Mannes  spricht  und  demselben
  armen  Manne  seine  Lebensluft,  seinen  Atem  besteuert  —  denn
die  direkte  Steuer  muß  er  zahlen,  so  lange  er  atmet;  bei  direkter  Steuer
wird  nicht  darnach  gefragt:  kannst  da  deinen  Trunk  Bier  unter  Umständen
  entbehren?  kannst  du  weniger  rauchen?  kannst  du  die  Beleuchtung
  des  Abends  einschränken?  sondern  sie  muß  er  zahlen,  er  mag  Geld
haben,  oder  nicht,  er  mag  verschuldet  sein,  oder  nicht  und  was  das
Schlimmste  ist,  es  folgt  die  Exekution,  und  nichts  wirkt  auf  die  Gemüter
mehr,  als  das  Exequieren  von  Steuern  wegen  weniger  Groschen,  die
für  den,  der  sie  zahlen  soll,  augenblicklich  unerschwinglich  sind.  Der
Groschen  ist  gleich  einer  Million  für  den,  der  ihn  nicht  hat  und  ihn
im  Augenblick  der  Fälligkeit  nicht  erschwingen  kann,  und  der  sich  sagt.
so  und  so  viel  kriegt  dieser  Beamte  Gehalt,  so  und  so  viel  geht  auf
unnötig  scheinende  Ausgaben  und  ich  werde  hier  um  ein  bißchen  Geld
exequiert.  Solches  Elend  kommt  von  direkten  Steuern.  Lassen  wir  den
Städten  die  direkten  Steuern.  Für  den  Staat  aber  ist  es  meiner
Ueberzeugung  nach  die  Aufgabe,  nach  dem  Beispiel  von  England,  von
Frankreich,  nach  indirekten  Steuern  zu  streben.“

Damals  erstrebte  Fürst  Bismarck  nichts  anderes,  als  das,  was  man
in  dem  nationalliberalen  Parteilager  heute  noch  als  das  eigne  Ideal
ausgiebt:  Beseitigung  der  Matrikularbeiträge  und  Erleichterung  des
Druckes  der  direkten  Steuer  durch  ausgiebige  Besteuerung  einiger  weniger
Konsumtionsgegenstände,  in  deren  Genuß  sich  jedermann  beliebig  beschränken
  kann  und  die  er  darum  treffend  die  Luxusartikel  des  Voltes
nannte.  Die  negative  Haltung  derselben  Partei  in  jenen  ersten  Jahren.
wo  Bismarck  mit  seinem  Reform-Programm  auftrat,  drängte  ihn  schließlich
  in  die  Bahn  der  Schutz=  und  Agrarzölle.  Diejenigen,  welche  sich
über  die  Wandlung  seiner  Politik  beklagten  und  ihm  auch  die  notwendigen
  Finanzzölle  nicht  bewilligen  zu  dürfen  vermeinten,  vergaßen,  daß
anfänglich  von  einem  Schutzzollsystem  nicht  im  entferntesten  die  Rede
war,  und  daß  sie  selbst  den  Kanzler  gezwungen  haben,  sich,  um  auch
nur  die  notwendigsten  Mittel  zu  erlangen,  nach  andern  Bundesgenossen
umzusehen.  War  es  doch  bereits  dahin  gekommen,  daß  Staat  und
Reich  jahrelang  nur  nach  austro-türkischer  Art  durch  Anleihen  oder