Der landschaftliche Charakter. 349
bayerischen Alpen und wieder an die schneeglänzenden Gestalten der
Schweizergebirge. Wer hier auf diesen Höhen in der Gotteseinsamkeit
Tage genießt, wo nach dem Regen die Luft klar ist bis in die hintersten
Winkel und Schroffen, dem bleibt ein unauslöschlicher Schatz lichtesten
Lebens. Die unsagbare Ruhe, die Kühnheit, Größe, Schönheit und Menge
der Formen, die Farbenglut und die Weite hoch oben über allem Dunst und
Getümmel der Welt! Nur der Gesang der Heidelerchen klingt im sonnendurchschienenen
Himmel.
Von manchen dieser Höhen herab sieht der Wanderer schon den
Spiegel des Bodensees langhin aufblitzen. Schöne Wege führen durch
bewaldete, jähe, mit Burgruinen bekrönte Tobel an reißenden Flüssen,
Schussen und Argen. Vielfach von Rodungen mit vereinzelten Wohnsitzen
durchsetzt, zeigt sich der Wald. Hier ein Waldthal mit schmaler wiesiger
Sohle, dort ein langer Streifen über die Rücken hin und dort ein hoher
Tannenschopf, der seit Urzeiten auf dem Gipfel des Hügels stehen geblieben.
Daneben düstere Seen, weite Moore, und wieder saftgrünes Gehügel mit
weidendem Vieh und schmucken flachgiebeligen Gebirgshäusern.
Und endlich grüßt uns das lachende Ufer des Bodensees, hinter
dessen breiter, meerähnlicher Fläche die grünen Alpenvorberge der Schweiz
und die schneebeglänzten Riesenberge stehen. Hier drängt sich am fruchtbaren,
mit Weinreben und großen Obstbäumen besetzten Gelände Bild an
Bild und in ewigem Wechsel spielt Wasser und Luft.
Einer der allerschönsten Orte ist der in der Nähe des See's, abgetrennt
vom württembergischen Gebiet, als gigantischer Klingsteinfels aus
dem badischen Hegau aufsteigende, durch Erinnerungen heldenmäßiger Art
uns theuer gewordene Hohentwiel. Auf seinem trümmerreichen waldigen
Haupt schließt unser Wandern mit einem wundervollen Blick an die, wie
Scheffel sagt, „steilaufgeschossenen Felsgipfel des Hegau in einsamer Schöne,
.. den blau im Widerschein blauen Himmels mit gedoppelter Buchtung
zu uns sich herbiegenden Bodensee, die fernen riesigen, wie ein Hauch
im Abendroth verschwindenden Schneeberge.“ Den Hohentwiel bestocken
Linden, Ulmen, Ahorne und Eschen, deren Wurzeln die Felsen umklammern
und in alle Fugen sich drängen. In den Falten des Berges kriecht uralter
Epheu und schmückt oft die Steinblöcke, daß sie Grabmälern gleichen.
Mauoerpfeffer und Habichtskraut blühen goldgelb, weithin wogt das blauliche
Grün der duftenden Wermutpflanze, und um die höchsten, noch nie
von eines Menschen Fuß betretenen Klippen schwankt, wie ein Laub, das
vom Winde sich tragen läßt, der Alpenfalter Apollo, mit seinen großen
gerundeten Glasflügeln, so recht ein vergeistigtes Bild von der sonnigen
Lichtheit dieser Felsennatur.