Volltext : Hand- und Lehrbuch der Staatswissenschaften. Erste Abteilung VII. Band. Das Verkehrswesen (1_7)

534  V.  Abschnitt.  Der  Luftverkehr.

können,  würden  sehr  leistungsfähig  sein,  da  zu  der  voll  auszunutzenden
Eigengeschwindigkeit  des  mit  dem  Winde  fahrenden  Luftschiffs  noch
die  Windgeschwindigkeit  hinzutritt.  Wenn  vollends,  wie  neuerdings
bezüglich  des  Nordostpassats  festgestellt  ist,  in  einer  gewissen,  für  Luftschiffe
  noch  verwendbaren  Höhenlage  über  dem  regelmäßig  wehenden
Winde  eine  regelmäßige  Lufiströmung  in  entgegengesetzter  Richtung
besteht,  so  kann  ein  entsprechender  Vorteil  auch  für  die  Rückreise  eintreten.
  Macht  sich  schon  die  Seeschiffahrt  die  regelmäßig  wehenden
Winde  nutzbar,  so  wird  sich  die  Luftschiffabrt  dieser  Hilfe  nocb  mehr
bedienen  müssen.  Man  darf  annehmen,  daß  die  von  HERGESELL,  Ass-MANN
  und  anderen  neuerdings  besonders  eifrig  geförderte  genaue  Feststellung
  der  regelmäßig  wehenden  Winde  noch  manche  Gelegenheit  zu
regelmäßigen  und  durch  die  Verwendung  der  Luftströmungen  begünsligten
Luftschiffahrtslinien  aufdecken  wird.  Der  Kugelballon  wird  nicht  das
Verkehrsluftschiff  der  Zukunft  sein,  aber  er  wird  bei  der  erforderlichen
Ausweitung  der  Windkunde  wesentliche  Dienste  leisten  und  damit  die
Grundlagen  für  zweckmäßigste  Gestaltung  von  Luftschiffahrtslinien
schaffen  helfen.  Als  ein  Beispiel  für  Leistungen,  die  durch  solche
Heranziehung  der  regelmäßigen  Winde  erzielt  werden  können,  führt
Dr.  EcKENER  in  seiner  Schrift  „Luftschiff  und  Luftverkehr“  (Stuttgart  1909)
an,  daß  ein  Luftschiff  mit  50  km  Eigengeschwindigkeit  in  der  Stunde
von  Lissabon  bis  Teneriffa  (1000  km)  unter  Benutzung  der  dort  vorherrschenden
  leichten  nördlichen  Winde  ın  zwölf  Stunden  und  von
Teneriffa  bis  Kuba  (5000  km)  unter  Benutzung  des  Nordostpassats  ın
noch  nicht  3  Tagen  würde  fahren  können,  sodaß  von  Südeuropa  nach
Westindien  nur  reichlich  3  Tage  gebraucht  würden.  Das  wäre  eine
Leistung,  die  auch  von  den  schnellsten  heutigen  Ozeandampfern  nicht
erzielt  werden  kann.  Dabei  ist  nur  eine  Eigengeschwindigkeit  von
13,9  m/sek.  eingerechnet,  ein  Satz,  der  von  den  neuesten  Luftschiffen
schon  erheblich  überschritten  wird,  und  der  jedenfalls  in  Zukunft  noch
mehr  hinter  der  tatsächlich  erreichten  Eigengeschwindigkeit  zurückbleiben
  wird.  Nach  allem  liegen  durchaus  erost  zu  nebmende  Entwickelungsmöglichkeiten
  für  einen  regelmäßigen  Luftschiffverkehr  vor.
Wenn  sich  auch  an  Massenhaftigkeit  der  Luftverkehr  mit  Eisenbahnen
und  Schiffen  nicht  messen  kann,  so  werden  doch  schnelle  Verbindungen
zwischen  wichtigen  Orten  für  den  Personenverkehr  erwartet  werden
können.  Dab  ein  regelmäßiger  Luftschifflinienverkehr  auch  bestimmte
Laodungs-,  Gas-  und  Benzinaufnahmestellen  usw.  voraussetzt,  versteht
sich  von  selbst.

Wie  weit  ein  solcher  Verkehr  in  breitere  Schichten  eindringen
kann,  hängt  naturgemäß  auch  wesentlich  von  den  Fahrpreisen  ah.
Einstweilen  sind  sie  noch  hoch,  was  ohne  weiteres  erklärlich  ıst.  Die
Erfahrung  hat  gezeigt,  daß  die  jetzigen  Preise  keineswegs  die  Fahrgäste