51. Kurfürst Max Emanuel am Scheidewege. 273
Endlich näherte sich ein greiser Priester dem Verzweifelnden, und als
es ihm gelungen war dessen Blicke auf sich zu lenken, wies er schweigend,
aber voll milden Ernstes auf das Gemälde über dem Haupte des entschlafenen
Kindes. Ein sanfter Lichtstrahl der soeben erwachten Morgensonne glitt über
dasselbe hinweg: Christus auf dem Slberge lag von tiefster Seelenangst durchschüttert
halb zu Boden, betend: „Vater, nimm diesen Kelch hinweg von mir!
Doch nicht, was ich will, geschehe, sondern was du willst!“
Ein schwerer Seußzer entrang sich beim Anblick dieses Bildes der Brust
Max Emanuels. Dann erhob er sich, allein, ohne Beihilfe und schritt einen
letzten Blick auf sein zerschelltes Glück werfend von der Stätte des Todes
hinweg. Es war, als ob er mit einem Male Trost gefunden hätte.
51. Kurfürst Max Emanuel am Scheidewege.
Von M. Doeberl.))
Es war am Morgen des 6. Februar 1699. In dem königlichen Schlosse
zu Brüssel bot sich dem Auge ein erschütterndes Schauspiel. Vor dem Leichnam
eines sechsjährigen Kindes, das noch vor kurzem in königlicher Pracht dem
Pinsel des Malers gesessen war, an dessen Zukunft sich weltumspannende
Hoffnungen geknüpft hatten, ein vor Schmerz und Verzweiflung #der Ohnmacht
verfallener Vater. Das Kind, Kurprinz Joseph Ferdinand von
Bayern, war am 28. November 1698 zum Erben des Reiches Karls V.
eingesetzt worden. Ein grausames Geschick, eine Krankheit von wenigen Tagen,
hatte alle die glänzenden Pläne des Vaters, des Kurfürsten Max Emanuel,
zerstört: das Phantom eines wittelsbachischen Königtums in Spanien verflog
in die Lüfte.
Im folgenden Jahre, am 1. November 1700, trat ein Ereignis ein, mit
dem sich die Diplomaten und die diplomatischen Aktenstücke seit Jahrzehnten
beschäftigt, mit dem auch die bayerisch-französische Allianz von 1670 gerechnet
hatte: Karl II., der letzte vom spanisch-habsburgischen Mannesstamme, hauchte
sein sieches Leben aus. lier sein Erbe entbrannte ein Kampf auf Leben und
Tod zwischen Leopold I., dem Haupte des deutsch-habsburgischen Hauses, und
zwischen Ludwig XIV. Karl II. hatte in zwölfter Stunde den zweiten Enkel
des Franzosenkönigs, Philipp, zum Universalerben bestellt. Es war der letzte
Sonnenblick in dem verdüsterten Lebensabend Ludwigs XIV., der sich freilich
nur zu bald als das Moment der letzten Spannung vor der Katastrophe enthüllen
sollte. Ludwig XIV. opferte mit der Anerkennung des Testamentes
Karls II. das Interesse seines Staates dem Interesse seines Hauses, lenkte
von der Politik Richelieus und Mazarins, von der Politik der Grenzberichtigung
und Arrondierung, in die Bahnen der Familienpolitik des habsburgischen Hauses
1) Aus „Bayern und Frankreich“", Seite 557 ff. München, 1900. C. Haushalter.
Kronseder, Lesebuch zur Geschichte Vayerns. 18