Full text : Deutsches Wörterbuch. Erster Band A-G. (1)

1025  gänzlich  —  gar.

es  ist  uns  ganz  nicht  möglich  Claud.  2;  jetzt  auf  oberd.
Mundarten  zurückgezogen,  nur  noch  in  der  Verbindung
ganz  und  gar  allgemein:  es  ist  ganz  und  gar  unmöglich;
  Sie  störch  ganz  und  gar  Dnicht.  c)  ganz  in  beschränkend
  anerkennendem  Sinne:  sie  ist  ein  ganz  hubsches
  mädchen;  das  ist  schon  ganz  gut,  aber  —;  eine
gana  gute  art  von  fürsten  Wieland  gold.  Sp.  1,  2.—
gänzlich,  ganz,  völlig  nach  Art  und  Weise,  mhd.  ganzlich,
  genzlich:  gänzliche  entbaltung  von  geistigen  getränken,
  gänzlicher  verzicht  auf  rechte,  u.  a.;  häufiger
als  Adv.:  an  fuezen  unde  an  henden  wäören  im  die
ballen  so  gänzlich  in  gevallen  Engelh.  5166;  bei  seinem
Vater  genzlich  beschlossen  war,  David  zu  tödten  1.  Sam.
20,  33;  er  ist  gänzlich  mittellos;  die  sache  ist  gänzlich
verpfuscht;  im  Allgemeinen  zu  Gunsten  von  ganz  oder
ganz  und  gar  zurückgegangen.

Gar,  fertig,  bereit,  vollendet,  gemeingerm.  Wort,  nur
im  Gothischen  unbezeugt,  altnord.  görr,  altengl.  gearo,
ahd.  altsächs.  garo,  mhd.  gar;  der  Stamm  ist  garwa
und  das  innere  w  der  Bildungsfilbe  tritt  in  der  alten
Spr.  im  Inlaute  hervor,  z.  B.  ahd.  u###s#imés  garawe
alle  Otfrids,  23,60,  mhd.  manigin  garwin  man  Fundgr.
2,  119,  verliert  sich  aber  schon  im  Mbd.  oder  verbärtet
sich,  wo  es  in  Ableitungen  hastet,  zu  b,  val.  gerben,
gerber.  Herleitung  unbekannt.  1)  Adj.,  in  der  alten
Spr.  —  bereit,  sertig,  gerüstet  in  allgemeinem  Sinne,
g#iter  auf  die  Haus=  und  Gewerkspr.  eingeschränkt,  von
Speisen  —  sertig  zum  Genießen:  das  das  fleisch  gar
werde  Hes.  24,  10;  essen,  brot,  fleisch  ist  gar  Adelung;
schon  war  das  doppelte  fischepaar  auf  einer  seite  gebraten
  und  gar  Wieland  Winterm.  1,  234;  es  (das
Fleisch  im  Kessel)  wird  nicht  gahrer  Heyse  20,  340;
im  Salzwerk  gares  salz,  das  salz  gar  sieden;  bei  Gerbern,
gares  leder,  leder  gar  machen;  in  Hüttenwerken  gares
eisen,  kupfer;  beim  Erzguß  gare  speise;  bei  Köhlern
kohlen  im  meiler  gar  werden  lassen;  beim  Landwirt
garer  boden,  zum  Bestellen  tüchtig,  gare  jauche,  zum
Beschütten  reif.  Selten  im  ältern  Nhd.  auch  —  völlig,
gänzlich:  der  funft  stain..  ist  nit  gar  da  (vollständig
erhalten)  Aventin  1,  699;  ewer  sei  disz  buchlin  gar
mit  haut  und  haar  Garg.  24;  fertig,  zu  Ende:  bis  wir
..  dicse  history  gar  haben  Luther  üb.  d.  1.  Buch  Mose
1527;  bairisch,  mundartlich  etwas  gar  kriegen,  baben,
damit  fertig  werden,  sein,  mit  mir  ists  gar,  zu  Ende.
2)  Adv.,  an  die  letztere  Bed.  des  Adj.  anschließend,-gänzlich,
  völlig,  in  älterer  Spr.  in  verschiedener  Stellung:
sollen  wir  denn  gar  untergehen?  4.  Mof.  17,  13;  wie
gar  unbegreiflich  sind  seine  gerichte  Röm.  11,  33;  gott,
warum  verstöszest  du  uns  so  gar?  Ps.  74,  1;  welches
geslecht  .  gar  abgestorben  ist  Aventin  1,  727;  welches
  mich  gleichsam  gar  entzückte  Zesen  Ros.  52;
der  zeuge,  der  nimmer  gar  still  schweiget,  ucmlich  das
gewissen  Simpl.  2,  152;  und  noch  cin  rundes,  architcktonisches
  werk,  nicht  gur  stockhoch  Goethe  25,  99;
ich  din  so  gar  ein  armer  mann  Uhland  9;  sonstjetzt
nur  in  der  Verbindung  ganz  und  gar  (s.  ganz),  älter
auch  gur  und  gänzlich  (Aarauer  Urk.  20,  v.  1309  u.  ö.);
ganz  gar  vor  lieb  ich  brinne  Liederb.  aus  d.  16.  Ih.  29;
im  Ubrigen  in  verblaßterer  Stellung,  nur  die  Erhöhung
eines  Grades,  Steigerung  bezeichucend:  gar  bald  Pf
49,  15;  gar  oft  78,  410;  gar  niemand  2.  Macc.  6,6;  mir
worden  gar  des  königs  dienste  angebotten  Simpl.
1,  367;  hecken,  die  meine  bauren  gar  schlau  um  ihre
felder  herumführen  Schiller  Ränb.  1,  1;  beisze  magister.
  heisze  doctor  gar  Goethe  Faust!;  der  herr
ist  gar  zu  gut  ebd.;  der  mann  war  doch  gar  alt
Rosegger  Waldheim.  1,  205;  er  freut  sich  gar  sebr;
ein  gar  willkommener  gast,  u.  a.;  in  besondern  Wendungen:
  man  soll  nicht  gar  zu  klug  sein;  wobei  du
dock  nicht  gar  zu  grosmutbig  warst  Goethe  Wahlverw.
1,  3;  einen  gar  vortheilhaften  sitz  W.  Meister  1,  8;  dafür:
  und  wird  am  todbett  gar  ein  böser  rewling  komen

M.  Heyne,  Deutsches  Worterbuch,  1.

1026

Luther  2,260;  neuer  nur  in  volksmäßiger  Rede:  ritt
aus  ..  gar  mit  wenig  leuten  Goethe  Egm.  1;  —  du
willst  wol  gar  trotzen!;  (der)  auch  wohl  gar  an  etwas
vollkommeneres  erinnerte  Goethe  Wahlverw.  1,3;  auch
hab  ich  das  schlimmc  wohl  gar  gewollt  Grillparzer
2,  8;  nun  fahrt  er  gar  über  uns  her;  weinc  noch  gar!
mache  mich  noch  elender  Goethe  Egm.  1;  das  ist  zu
arg!  so  wür  ich  gar  betrogen?  Wieland  Klelia  5,  104;
vgl.  auch  sogar;  doch  nicht  für  möglich  acht  ichs  —
so  gar  steil  gehts  an  Schiller  Tell  1,  1;  abwehrend,
zweifelnd,  wundernd,  in  den  Redensarten:  ich  dachte
gar!;  warum  nicht  gar  Benedix  Vetter  1,  1.  —  Zusammensetzungen
  (zu  1  und  2):  Garaus,  m.  u.  Ende,
Untergang  (entstanden  aus  adverbialem  gar  aus,  z.  B.
sauts  gar  aus  Garg.  87);  besonders  in  der  Wendung
den  garaus  machen:  den  garusz  macht  ein  krausz  mit
wein  Wickram  Obsop.  J  2f;  einem,  ihm  den  Untergang
  bereiten:  der  machte  man  bald  den  garausz  Uhland
Volksl.  41;  dasz  sie  (die  Spinne)  einer  stubenfliege
den  garaus  mache  Hebel  2,  30;  um  den  akademwischen
jacobinern  endlich  den  garaus  zu  machen  Treitschke
2,  430;  seltener  in  andern:  da  folget  denn  der  garausz
Luther  Tischr.  332;  den  garaus  spielen  (angeknüpst  an
den  letzten  Tanz  vor  Feierabend),  auch  als  Neutr.  das
garaus  mit  ihm  spielet  Günther  512.—  Garkoch,  m.
Koch,  der  zu  jeder  Zeit  zubereitete  Speisen  feil  hält.  —
Garküche,  k.  Küche,  die  zu  jeder  Zeit  Speisen  fertig  hält,
Speisewirtschaft.  —  Garleder,  u.  gegerbtes  Leder.

Garbe,  f.  1)  Getreidebündel,  ahd.  garba,  mhd.  garde,
alts.  garba;  eigentlich  Handvoll,  zu  dem  altind.  grbh
fassen,  ergreifen,  gestellt:  wir  bunden  garben  auf  dem
telde  1.  Mos.  37,7;  ein  wagen  vol  garben  Amos  2,  13;
übertragen:  saat  von  gott  gesät,  dem  tage  der  garhen
(der  Ernte)  zu  reisen  Klopstock  11,  95;  auf  Garbenähnliches:
  feuer-,  funken-,  fammengarbe.  2)  anderes
garbe,  ahd.  garawa,  mhd.  garwe,  Name  eines  Krautes,
schafgarbe;  mit  dem  Vorigen  unverwandt,  dunkler  Abstammung.


Garde,  k.  Schutz-,  Leibwache;  aus  franz.  garde  bereits
  im  15.  Ih.  übernommen;  die  ital.  Form  war
guardia  (zurückgehend,  wie  die  franz.,  auf  das  ahd.  warta
Wache),  die  auch  im  ältern  Nhd.  als  gwarde,  gwardi
austanchte:  garte,  gwarde,  warte,  verwahrung,  hut
Henisch;  guardi  zu  fusz  und  zu  ross,  eines  fürsten
leibsgwardi  ebd.;  jetzt  als  Teil  des  Heeres:  bei  der
garde  diencn  u.  f.  w.;  nach  dem  Napolconischen  die  alte
garde  scherzhaft  auch  von  „langgedienten“,  in  gewissen
Verhältnissen  lange  heimischen  Menschen,  selbst  die  alte
garde  des  ballsaals,  von  alten  Schönen.  —  Garderöbe,  .
Kleiderkammer,  Kleidervorrat;  aus  franz.  garderobe  schon
im  16.  Ih.  (gardenrobbe  Zimm.  Chron.  3,  238,  vgl.
niederl.  garderobbe  vestiarium  Kilian),  ins  Deutsche
übertragen,  recht  gebräuchlich  erst  seit  17.  Ih.  von  fürstlichen
  und  vornehmen  Haushaltungen  aus,  bezeichnend
den  Ort,  wo  Kleider  aufbewahrt  werden  und  die  dabei
beschäftigten  Diener  sich  aufhalten:  in  der  garderobe
einen  kammerdicner  Schiller  Kab.  5,6;  jetzt  heißen
auch  in  Theatern,  öffentlichen  Sälen  u.  s.  w.  die  Räume,
in  denen  von  den  Besuchern  die  Uberkleider  abgelegt
werden,  garderoben;  —  dann  auch  die  Dienerschaft,  zunächst
  der  Garderobe,  sodann  insgemein:  du  .  rufat
meine  ganze  garderobe  in  diesen  sanl  zusammen  Schiller
Kab.  4,  9;  endlich  der  Kleidervorrat:  als  würde  die  ganze
garderobe  des  Molochs  ..  ausgeluftet  Räub.  2,  3;  meine
garderobe,  pferd  und  wagen  verkaufen  Kab.  4,  7;  auch
die  auf  dem  Leibe  getragenen  Kleider:  eine  bleudende
garderobe  3,  1.  —  Gardinc,  I.  Vorhang;  Umdeutung  aus
dem  mittellat.  ital.  corting.  Bettvorbang,  zuerst  niederrhein.
  gardiju  Dief.  (mit  dem  Gedanken  an  franz.  garder
schützen);  gardin,  serg,  tecke,  teppich,  die  gardin  anziehen
  Henisch;  gardinen  um  cin  dett,  vor  den  fenstern;
auch  der  Vorhang  im  Theater  heißt  bisweilen  so;  eiserne

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Garaus  —  Gardine.