Full text : Lesebuch zur Geschichte Bayerns.

452  90.  Thorwaldsen  im  Knorrkeller.

Alles  das  glänzte  und  funkelte  herrlich  durcheinander  und  wer  weiß,  ob  der
pilgernde  Heros  auf  seinem  Triumphzuge  durch  Deutschland  eine  Festhalle
betreten  hat,  die  der  unfrigen  an  überraschender  Gewalt  des  Eindrucks  gleichstehen
  moöchte.

In  diesen  einladenden  Räumen  setzten  sich  also  die  Tischgenossen  zur  Tafel.
Was  München  von  artistischen  Berühmtheiten  aufzuweisen  hat,  war  da  zusammengekommen
  um  mit  dem  großen  Meister  des  Abends  froh  zu  werden  —  auch
mancher  Staatsmann,  mancher  Gelehrte  von  gutem  Namen  hatte  sich  eingefunden.
In  das  fröhliche  Summen  der  heitern  Zecher  traten  nach  und  nach  belebend
die  Trinksprüche  ein,  ausgebracht  in  feierlicher  Stille,  wogegen  donnernde
Vivatrufe  und  schmetternde  Trompetenstöße  ihnen  folgten.

Nun  muß  man  aber  wissen,  daß  es  unsere  Maler  an  solchen  Tagen
bei  gemütlichem  Zusammentrinken  nicht  bewenden  lassen,  sondern  immer  auch
zur  Erhöhung  des  Jubels  dramatische  Maskeraden  in  das  Treffen  führen,  die
geistreich  erfunden  sind  und  mit  drastischer  Komik  an  uns  vorübergehen.  So
gab's  denn  auch  heute  einen  Schwank,  den  wir  laut  dem  Libretto:  Schiedsrichterliches
  Urteil  des  alten  Vaters  Zeus  in  Sachen  München,  Stuttgart,  Mainz
und  Konsorten  wider  Ritter  Thorwaldsen  betiteln  dürfen.  Es  traten  da
die  berühmten  Städte  München,  Mainz,  Stuttgart,  Kopenhagen  und  Rom,
repräsentiert  durch  die  Bildwerke,  die  sie  von  dem  Meister  besitzen,  als  Gutenberg,
  Schiller,  Maximilian,  welcher  gar  zu  Pferde  war  u.  s.  w.,  angemeldet
durch  den  alten  Gott  Merkurius  als  den  Gerichtsboten,  vor  den  lächelnden
Feiergast  und  begannen  in  humoristischen  Streitreden  darüber  zu  hadern,  welcher
von  ihnen  er  eigentlich  angehöre.  In  das  Plaidoyer  mischte  sich  zuletzt  auch
die  weißarmige  Juno  von  hohem  Stuhle  herab,  leichter  erkenntlich  an  dem
Fächer  von  Pfauenfedern,  mit  dem  sie  agierte,  als  an  dem  braunen  Schnurrbarte,
  der  ihren  Göttermund  beschattete.  In  Anbetracht  des  letztgedachten
Charakteristikums  klang  es  komisch  genug,  als  sie  in  tiefem  Basse  also  sprach:

„Was  wollen  die  Menschen  in  dieser  Sache
Mit  ihrer  Rede  konfusem  Sinn?

Fürchten  sie  nicht  meine  glühende  Nache,
Wissen  sie  nicht,  daß  ich  Juno  bin?

Wissen  sie  nicht,  daß  du  all  meine  Söhne

Mit  der  Wahrheit  durchdringender  Macht
Nachgebildet  in  strahlender  Schöne,

Wie's  noch  kein  Sterblicher  jemals  vollbracht?“

Den  Streit  schlichtet  Zeus,  der  schreckliche  Donnerkeile  schwingt,  und
unwiderruflich  entscheidet,  wie  folgt:

„Nein,  dieser  Mann  gehört  nicht  einem  Lande,
Nicht  einer  Stadt  allein  gehört  er  an;

Denn  er  umfaßt  mit  seines  Geistes  Bande

Die  ganze  Welt,  nur  ihr,  der  Welt  gehört  er  an!“

ein  Urteilspruch,  der  von  stürmischem  Jubelruf  begrüßt  wurde.