35. Antwerpen einen Tag nach seinem Fall.
7 Uhr morgens am 10. Oktober befand ich mich auf dem
Weg zum Palast des Generalgouvernements an der Rue de la
Loi. Am Eingang kamen drei junge Offiziere auf mich zu, fröhlich
und guter Dinge, und begrüßten mich, als wären wir Jugendfreunde.
Sie hätten, sagten sie, vom Feldmarschall den Auftrag
bekommen, mich nach Antwerpen zu begleiten. „Wenn es Ihnen
recht ist, fahren wir sofort, das Auto steht bereit.“ Natürlich!
Der Chauffeur setzte den Motor in Gang und nahm seinen Platz
am Steuer ein. Neben ihm saß ein Soldat und im offenen
Automobil die drei Deutschen und ich. Alle Deutschen trugen
Revolver; außerdem hatten wir drei Karabiner zur Hand. Offenbar
hielt man die Straße noch für unsicher und den Besuch in
der eben eingenommenen Stadt mit Gefahren verbunden. Man
hatte noch keine genaueren Nachrichten über die Stimmung Antwerpens
während der Nacht und am frühen Morgen. „Mir ist
es komplett egal, ob ich jetzt oder ein anderes Mal erschossen
werde, sterben muß man ja auf alle Fälle“, sagte Leutnant Classen,
der ein großer Spaßvogel und voll lustiger Einfälle und Geschichten
war. Die übrigen zwei Reisekameraden waren Leutnant Dr. Hütten
aus Stettin und Leutnant Dr. Walter Kes aus Steglitz. Dr. Kes
war auch in Friedenszeiten aktiv und dabei Doktor der Philosophie,
was sehr ungewöhnlich ist. ·
Sobald alles in Ordnung war, erscholl der Ruf: Los! Und vom
ersten Augenblick an fuhr das Automobil mit wahnsinniger Geschwindigkeit.
Ehe man noch recht wußte wie, lag die große Stadt Brüssel
mit ihren in dieser frühen Morgenstunde stillen und leeren Straßen
hinter uns, und wir waren draußen auf dem ebenen Lande, wo
vereinzelte Häuser und Dörfer, Wäldchen und Heufeime aus dem
Nebel auftauchen, der noch mit dem Morgen kämpft, aber bald
von der Sonne zerstreut sein wird. Durch ein herrliches, altes
Tor zwischen zwei runden Türmen sausen wir in unvorsichtig
rascher Fahrt nach Mecheln hinein.
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