Volltext : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

182  Der  rhythmische  Ton.

Der  Vers  macht  den  Rhythmus  regelmäßig,  indem  er  die
Wörter  der  Rede  so  stellt,  daß  schwere  und  leichte  Silben  nach

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Die  Erklärung  des  Berhältnisses  eines  doppelten,  sich  widerstreitenden
Rhythmus  liegt  darin  daß  die  Verse  der  Griechen,  sowohl  epische  als  dramatische,
gesungen  wurden.  Da  man  die  Druckerkunst  nicht  kannte,  Abschriften  selten,
teuer  und  damit  dem  Publikum  nicht  zugänglich  waren,  die  Kunst  des  Lesens
auch  erst  in  späteren  Zeiten  allgemein  wurde,  so  gab  es  kein  anderes  Mittel  die
Dichtungen  zu  verbreiten  als  den  mündlichen  Bortrag  derselben.  Dieser  Vortrag
  fand  nur  im  Freien  oder  in  den  großen  Theatern  statt,  welche  tausende
von  Zuhörern  faßten.  Hier  reichte  das  gewöhnliche  Sprechen  nicht  aus,  um
verständlich  zu  sein,  hier  mußte  der  Vortrag  durch  Gesang  eintreten,  damit  das
Vorgetragene  verständlich  werde.  Welcher  Art  dieser  Gesang  war  wissen  wir
nicht.  Namentlich  nicht  ob  er  eine  Melodie  hatte,  oder  ob  er  rezitativisch  war.
Jedenfalls  aber  war  er  rhythmisch,  denn  er  wurde  oft  vom  Tanze  begleitet.
Der  Hexameter  wird  ausdrücklich  als  ein  Tanzschritt  bezeichnet.  Bei  den  Chören
in  der  Tragödie  fanden  ebenfalls  tanzende  Bewegungen  statt.

Wenn  nun  oben  gezeigt  worden  daß  in  der  Musik  die  Tondauer  das  erste
rhythmische  Element,  die  Tonstärke  das  zweite  war,  im  Gegensatz  zur  Sprache,
wo  Tonstärke  das  erste,  Tondauer  das  untergeordnete  ist,  so  erklärt  sich  der
griechische  Versrhythmus  sehr  leicht.  Da  die  griechischen  Berse  gesungen  wurden,
mußte  die  Tondauer  vorwiegen  und  die  Silben  mußten  gemessen  werden,
wie  wir  in  der  Musik  noch  die  Töne  messen.

Durch  diesen  doppelten  Rhythmus  klärt  sich  auch  der  unlösbare  Widerspruch
zwischen  dem  Accent  und  der  Quantität  der  griechischen  Berse  auf.  Denn  spricht
man  diese  nach  dem  AcMcent,  so  verliert  man  den  Rhytbmus  der  Quantität,  spricht
man  sie  nach  der  Quantität,  so  verwischt  man  den  Accent.  Das  neue  Greiechisch
kennt  die  Quantität  nicht  mehr  und  nur  Verse  nach  dem  Accent.  Nur  auf  den
Schulen  wird  die  alte  Quantität  gelehrt.  In  den  Töchtersprachen  des  Lateinischen
  ist  der  Röythmus  nach  der  Quantität  ebenfalls  meist  verloren  gegangen.

Schon  aus  uralter  Zeit  besitzen  wir  in  lateinischer  Sprache  Verse,  die  nach
dem  Accent  gebaut  sind  und  von  Quantität  nichts  wissen,  z.  B.  alte  Kirchengesänge.

Aus  alledem  geht  hervor  daß  der  griechische  musikalische  Rhythmus,  der
nach  der  Quantität  seine  Verse  beurteilt,  d.  h.  die  Silben  nach  der  Tondauer
bemißt,  eine  Erfindung  für  Verse  ist,  die  gesungen  werden  sollen,  daß  er  aber
nicht  für  Verse  anwendbar  sein  kann,  die  gesprochen  werden.  In  diesen  kann
nur  der  sprachliche  Rhythmus  Geltung  haben,  in  welchem  die  Tonstärke  das
vorwiegende  rbothmische  Element  bildet,  wo  also  nicht  von  kurzen  oder  langen,
sondern  von  leichten  und  schweren  Silben  die  Rede  ist.

Und  doch  ist  das  bei  uns  verkannt  worden.  Man  batdie  griechische  Prosodie
als  allgemein  gültige  angenommen  und  sie  unserer  Sprache  aufzudrängen  versucht,
  d  h.  man  hat  unserer  Sprache,  die  nur  den  sprachlichen  Rhythmus  kennt,
den  musikalischen  aufgezwängt.  Von  Klopstock  und  Voß  bis  in  die  neueste  Zeit
bat  man  Verse  nach  griechischer  Prosodie  gemacht,  Herameter  und  mannigfache
Odenmaße.  Besser  sollte  man  sagen:  man  hat  es  versucht  solche  Verse  zu  machen.
Denn  um  nur  annähernd  diese  Verse  herauszubringen  hat  man  die  deutsche
Sprache  nicht  nur  in  ihrem  eigentlichen  Rhythmus,  sondern  auch  in  ihrer  Wortstellung
  förmlich  mißhandeln  müssen.  (Ausführlich  entwickelt  findet  man  diesen
Gegenstand  in  dem  Schriftchen:  „Das  Wesen  des  deutschen  Rbythmus“  von
Roderich  Benedix.  Leipzig,  J.  F.  Hartknoch.)  Es  seien  nur  zwei  Umstände
angeführt,  die  die  gänzliche  Unvereinbarkeit  des  griechischen  musikalischen  Rhythmus