Full text : Das Staatsrecht der Preußischen Monarchie. Erster Band. (1)

Bertagung  und  Schließung  der  Kammern.  (§.  30.)  349
Minister  gegengezeichnet  ist,  jedem  der  beiden  Häuser  der  Tag  der  Schließung  kundgegeben
  wird,  und  zwar  unter  gleichzeitiger  Aufforderung,  an  dem  Tage  der  festgesetzten
Schließung  an  dem  hierzu  bestimmten  Orte  zu  einer  vereinigten  Sitzung  zusammenzutreten.
  In  dieser  Sitzung  erklärt  dann  der  König  oder  der  von  ihm  damit  beauftragte
  Minister  die  Sitzung  beider  Kammern  für  geschlossen.?  —  Die  Schließung  der
Kammern  hat  zur  Folge,  daß  dieselben  ihre  kollegiale  Eigenschaft  verlieren  und  daß  der
Landtag  selbst  aufhört,  als  solcher  thätig  sein  zu  können,  sodaß  also,  wenn  eine  anderweitige
  Thätigkeit  desselben  beginnen  soll,  eine  neue  Einberufung  und  Eröffnung  erfolgen
muß,  bei  welcher  die  bisherigen  Mitglieder  wieder  erscheinen,  wenn  nicht,  was  die  Mitglieder
  des  Abgeordnetenhauses  betrifft,  inzwischen  ihre  Wahlperiode  abgelaufen  ist.  Die
nach  einer  Entlassung  der  Kammern  zu  einer  neuen  Sitzungsperiode  wieder  einberufenen,
wenn  auch  aus  denselben  Personen  bestehenden,  Häuser  müssen  sich  nach  positiver  Vorschrift
  der  Geschäftsordnung  von  neuem  konstituieren.  Weiter  wird  von  den  meisten
Schriftstellern  als  Rechtsgrundsatz  behauptet,  daß  durch  die  Schließung  alle  angefangenen,
aber  noch  nicht  erledigten  Geschäfte  abgebrochen  werden  und  nicht  ohne  weitere  Veranlassung
  in  der  neuen  Sitzungsperiode  wieder  aufgenommen  werden  können,  daß  vielmehr
  jede  Sitzungsperiode  dergestalt  ein  für  sich  abgeschlossenes  Ganzes  bilde,  daß  mit
ihrem  Abbruche  die  unerledigt  gebliebenen  Vorlagen  aller  Art  von  selbst  erlöschen  (Prinzip
der  Diskontinuität  der  Sitzungsperioden  3).  Diese  Behauptung  unterliegt  jedoch
trotz  der  darüber  bestehenden  Einmütigkeit  erheblichen  rechtlichen  Bedenken.  Ein  so  wichtiger
  und  weittragender  staatsrechtlicher  Grundsatz  müßte  positiv  in  der  Verfassung  zum
Ausdruck  gelangt  sein.  Dies  ist  nicht  der  Fall:  durch  Geschäftsordnungsvorschriften  und
thatsächliche  Vorgänge  aber  kann  ein  derartiger  Fundamentalsatz  des  Staatsrechtes  nicht

geschaffen  werden.

„Diskontinuität“  tritt  nach  der  Verfassungsurkunde  nur  und  erst

1  Die  Schließung  erfolgt,  wie  die  Eröffnung,
in  der  Regel  im  Weißen  Saale  des  Königl.
Schlosses  in  Berlin.

2  Der  Erlaß  eines  sogenannten  Landtagsabschiedes,
  nämlich  einer  Urkunde,  in  welcher  der
König  seine  Erklärungen  über  die  stattgefundenen
Verhandlungen  abgiebt,  indem  die  gefaßten  Beschlüsse,
  die  vereinbarten  und  noch  ausgesetzten
Punkte  ausführlich  zusammengestellt  werden,
findet  nicht  statt.  —  Vgl.  über  die  ständischen
Landtagsabschiede  Zachariä,  D.  St.  u.  B.  R.
(3.  Aufl.),  I.  S.  139  u.  689  —  690.  Über
das  baverische  Recht  in  diesem  Punkte  s.  Seydel,
Bayer.  St.  R.,  II,  S.  13.

Dies  war  auch  die  Ansicht  v.  Rönnes
(4.  Aufl.,  S.  279).  Die  Verf.  Urk.  enthält  keine
Bestimmung  über  diesen  Gegenstand;  indes  hat
die  II.  K.  bereits  unterm  11.  Jan.  1851  einen
(von  dem  Abg.  v.  Branuchitsch  eingebrachten)  Antrag
  abgelehnt,  welcher  den  entgegengesetzten
Grundsatz  angenommen  wissen  wollte,  nämlich
daß  die  in  einer  Session  unerledigt  gebliebenen
Gegenstände  beim  Beginn  der  neuen  Session
ohne  weiteres  wieder  aufzunehmen  seien.  Die
II.  K.  beschloß  vielmehr  aus  Veranlassung  jenes
Antrages,  unter  ausdrücklicher  Zustimmung  der
Staatsregierung,  einen  Zusatz  zum  §.  22  (ietzt
8.  74)  ibrer  Geschäftsordnung  dahin:  „Gesetzvorlagen,
  Anträge  und  Petitionen  sind  mit  dem
Ablaufe  der  Sitz.  Per.,  in  welcher  sie  eingebracht
und  noch  nicht  zur  Beschlußnahme  gedieben  sind,
für  erledigt  zu  erachten“  (vgl.  bierüber  Stenogr.
Ber.  der  II.  K.  1850—51,  Bd.  1,  S.  77  u.
93—95,  und  Bd.  1II,  S.  146).  In  der  Sitz.
Per.  v.  1852  —53  dagegen  nahm  die  II.  K.
einen  (von  dem  Abg.  Nöldechen  eingebrachten)
Gesetzentwurf  an,  welcher  in  betreff  der  von  der

Staatsregierung  eingebrachten  Gesetzesvorlagen
das  Prinzip  der  Kontinuität  der  Sitz.  Per.  feststellen
  sollte;  allein  dieser  Gesetzentwurf  erlangte
nicht  die  Zustimmung  der  I.  K.,  welche  denselben
  vielmehr,  in  Anerkennung  des  Prinzips
der  Diskontinuität,  ablehnte  (vgl.  darüber  das
Nähere  unten  in  dem  Abschn.  von  der  gesetzgebenden
  Gewalt).  Dieses  letztgedachte  Prinzip
ist  somit  durch  die  Geschäftsordnung  der  II.  K.
und  durch  den  Beschluß  der  I.  K.,  deren  jetzige
Geschäfteordnung  sich  übrigens  über  die  Frage
in  §.  80;:  „Gesetzesvorlagen,  Anträge  und  Petitionen
  sind  mit  dem  Ablaufe  der  Session,  in
welcher  sie  eingebracht  und  noch  nicht  zur  Beschlußnahme
  gediehen  sind,  für  erledigt  zu  erachten“
  direkt  ausspricht,  ausdrücklich  anerkannt,
und  es  steht  demselben  auch,  wie  der  Ber.  der
Gesch.  O.  Komm.  der  II.  K.  v.  8.  Jan.  1851
(Stenogr.  Ber.  1850—51,  Bd.  III,  S.  146)
bemerkt,  der  Gebrauch  anderer  konstitutioneller
Staaten,  namentlich  Englands,  zur  Seite.  Ganz
von  selbst  versteht  sich  übrigens,  daß  auch  bei
Anerkennung  des  Prinzips  der  Diskontinuität
die  früheren  Arbeiten  der  Kommissionen  und
Verhandlungen  im  Plenum  als  Material  benützt
  werden  können.  Vgl.  über  die  ganze
Streitfrage:  H.  Schulze,  Preuß.  St.  R.,  I,
S.  632  ff.;  G.  Meyer,  Lehrb.,  S.  373  ff.;
Laband,  St.  R.,  I,  S.  318,  565  u.  II,  S.  58;
Zorn,  St.  R.,  1.  S.  243,  Anm.  65  u.  S.  420,
Anm.  40.  Hinsichtlich  der  Publikation  beschlossener
  Gesetze  ist  der  Grundsatz  der  Diskontinuität
  von  der  Staatsregierung  nicht  anerkannt:
die  preuß.  Gesetze  v.  27.  Febr.  1884  u.  v.
9.  Mai  1888  sowie  die  Reichsgesetze  v.  12.  März
u.  8.  Dez.  1884  wurden  erst  nach  Beginn  von
neuen  Sitzungsperioden  publiziert.