96 A. Bulmerincgq. 1678
die Parteien im Deutschen Reiche, wie fie jetzt bestehen, nicht gar zu lange
mehr fortbestehen. Einige derselben haben schon bei den letzten Reichstagswahlen
wesentliche Einbußen erlitten und werden sie wohl noch weiter erleiden,
andere dagegen, welche ein weniger festes Programm, wir möchten
sagen, ein elastischeres haben, verzeichnen eine steigende Zahl von Anhängern.
Jene Parteizahlverminderung oder diese Vermehrung blos den
officiösen Bestrebungen oder den gewandteren Agitationen anderer Parteien
zuzuschreiben, scheint nicht richtig, der Grund ist vielmehr der, daß auch
Wähler an den bisweilen zu doktrinären und einseitigen Programmen der
bisherigen Parteien kein Genüge finden, sondern sich nach mehr praktischen
Richtungen sehnen, welche den unbefriedigenden Zuständen Deutschlands,
besonders in wirthschaftlicher Beziehung und in Beziehung auf Steuern
und Zölle abhelfen. Die Erwartungen der Wähler mögen vielleicht, bei
der Wahl anderer als der bisherigen Vertreter, zu weitgehende sein, aber
jedenfalls ist die Hauptfrage zur Zeit nicht mehr die politische, sondern
die politisch ökonomische Gesinnung des Wahlkandidaten,
und treten andere Fragen immer mehr in den Hintergrund. Nun
wird zwar, angeblich zur Selbsterhaltung der bisherigen politischen
Parteien, von nationalliberalen Organen jetzt die Parole ausgegeben, doch
jedem Parteigliede in politisch= ökonomischer Beziehung einen Freibrief zu
ertheilen und diese Fragen aus dem bindenden politischen Programm auszuscheiden.
Aber wie fest verbunden ist dann noch eine so sich selbst
lockernde Partei, wann sie in der wichtigsten Tagesfrage ihren Mitgliedern
freie Wahl läßt? Es wird selbstverständlich gerade dadurch die zu vermeidende
Zersplitterung und Selbstauflösung vorbereitet. Wirthschaftliche
Fragen haben außerdem oft auch politische Bedeutung. Daß ein Parteiglied
in jeder Frage mit der Partei stimmt, ist gewiß nicht zu fordern.
aber wenn es in einer, viele andere Fragen beherrschenden Hauptfrage,
einem sogenannten politischen Heischesatz, nicht mit der Partei stimmt, so
hängt es nur noch nominell mit der Partei zusammen, und dieser lose
Zusammenhang ist denn auch wiederholt zum Anlaß geworden, daß Parteiglieder
aus der Partei, welcher sie bis dahin angehörten, ausschieden.
Ein Uebergehen in eine andere Partei ist natürlich dadurch noch nicht geboten,
weder zum politischen Wohle des Einzelnen, noch des Ganzen, wohl
aber können sich mehrende Austritte aus einer Partei zur Umgestaltung
ihres Programms oder zur Bildung einer neuen Partei, wenn jene Umgestaltung
eine wesentliche ist, führen. Die Preßorgane können dann entweder
jenen Wandlungen folgen, wenn sie mit ihnen einverstanden sind,
oder ihnen widerstreben, nicht minder können sie aber, wenn sie schon vorher
eine Reform als nothwendig erkannt, diese anregen. Denn als zum
bloßen Abdruck der Parteiansichten verpflichtet, erscheinen uns die Parteiblätter
nicht, es sei denn, daß sie von der Partei selbst zu ihrem unmittelbaren
Dienst gestiftet find.
Es könnte vielleicht gegen das von uns vorgeschlagene Tagesblatt
parteiloser Tendenz eingewandt werden, daß es ein solches gar nicht geben
könne, da jedes Organ der Tagespresse einer gewissen Parteirichtung huldigen
müsse, um nicht farblos zu sein. Rücksichtlich der Parteiblätter ist
Das ganz richtig, aber das vorgeschlagene Organ soll eben ein parteiloses,