— 426 —
sich ganz fest schließen, Preußen an der Spitze und der erste und
mächtigste Widersacher des Reichsministers würde der preußische Finanzminister
sein. Die Richtigkeit dieser Darstellung habe sich bei der
Schaffung des Reichseisenbahnamtes gezeigt, dessen Präsident schon
nach zweijährigem Dienste den Reichskanzler gebeten habe, ihm eine,
wenn auch geringer besoldete. Stelle im preußischen Staatsdienste zu
geben. Er selbst habe den Haupteinfluß, welchen auszuüben ihm vergönnt
sei, bisher nicht in der kaiserlichen Macht, sondern in der königlich
preußischen Macht gefunden. Er habe einmal die Sache versucht
und eine zeitlang aufgehört, preußischer Ministerpräsident zu sein, in
dem Gedanken, daß er als Reichskanzler stark genug sei. Darin habe
er sich vollständig geirrt. Nach einem Jahre sei er reuevoll wiedergekommen
und habe gesagt, entweder wolle er ganz abgehen oder im
preußischen Ministerium wieder das Präsidium haben. Es habe etwas
Verführerisches, sich ein Reichsministerium zu denken, das im Reiche
inncrhalb der Grenzen und Kompetenzen, welche die Verfassung dem
Reiche zuweise, dieselbe Machtvollkommenheit ausüben und dieselbe Verantwortlichkeit
dem Reichstage gegenüber tragen würde, wie ein Ministerium
im Einzelstaate dies thut und trägt; aber er glaube, daß der
Reichstag über die Entwickelung, die das nehmen würde, sich täusche.
Die Mocht der Stammeseinheit, der Strom des Partikularismus ist
bei uns sehr stark geblieben; er hat an Stärke gewonnen, seitdem ruhige
Zeiten eingetreten sind. Ich kann sagen, die Reichsflut ist rückläufig;
wir gehen einer Ebbe darin entgegen. Ich weiß nicht, ob ich es tadeln
soll, oder ob es ein gesunder, naturgemäßer Entwickelungsgang ist. Es
wird auch die Reichsflut wieder steigen. Man muß nur nicht annehmen,
daß in drei Jahren, oder selbst in zehn Jahren alle diese
Sachen fertig gemacht werden können. Ueberlassen Sie unsern Kindern
auch noch eine Aufgabe; sie könnten sich sonst langweilen in der Welt,
wenn gar nichts mehr zu thun ist.“
Die Rede des Fürsten Bismarck vom 10. März 1877, hatte ihre
Bedeutung nach zwei Seiten hin. Er entwarf die allgemeinen Züge
seines wirtschaftlichen Programms, indem er erklärte, er habe den Eindruck,
daß der Arme unter dem Regimente der indirekten Steuern sich
wohler fühle, und in diesem Sinne wünschte er eine Erhöhung der
Zölle und Steuern auf nicht absolut notwendige, auf entbehrliche
Artikel, Tabak und andere. „Nun“, rief der Fürst, nachdem er seine
Ansichten erläutert hatte, ich bin außer stande, die Friktionen zu
überwinden, die sich außerhalb dieses Hauses der Verständigung über
einen Entwurf der Steuerreform entgegenstellen. Sie unterschätzen