Mehrheitsparteien. 75
Karl wieder auf den Thron zu bringen. Er findet dabei die rege Unterstützung des
Wiener Judentums.
Für Freisinn und Sozialdemokratie hätte ein Landzuwachs den gleichen Nach-
teil gebracht, nämlich eine Verschiebung der Bevölkerungszusammensetzung zu-
gunsien der Bauern, die in normalen Zeiten weder volksparteilich noch sozialdemo-
kratisch und vor allem nicht jüdisch wählen. Politischer Machtzuwachs und Kriegsent--
schädigungen hätten weder die jüdische Großfinanz, die sich im Krieg mit Kapitalge-
winnen reichlich eindecken konnte, noch die Sozialdemokratie begünstigt, sondern den
schaffenden aufbauenden Mittelskand, der in Deutschland überall zu dicht aufein-
ander hockt und sich nirgends recht rühren und regen kann, ebenso wie der Bauern-
stand, aus dem die blühenden großen Bauernwirtschaften immer mehr verschwinden.
Land= und Machtzuwachs hätten beiden Ständen Luft und Licht gebrochen, neue
Schaffenslust in ihnen angeregt, und Wohlstand und Jufriedenheit wären einge-
bogen. Dem siegreichen, größer gewordenen Deutschland mit seinem blühenden
Mittelstand wäre sehr wahrscheinlich auch das freudige Bekenntnis zu Rasse und
Volkstum wieder neu entsprossen, alles Dinge, die den drei Mehrheitsparteien
nicht willkommen sein konnten. Es ist dabei natürlich keineswegs nötig, daß diese
Gründe bewußt und überdacht der Politik dieser Parkeien zugrundegelegen hätten;
gerade die tiefsten und ausschlaggebendsten Beweggründe wirken in den meisten
Menschen mehr instinktiv als bewußt, ganz besonders solche Gründe, die man vor
sich selbst nicht gern zugibt.
Es wollte auch keine der Mehrheitsparkeien ein ohnmächtiges Reich. Der Va-
tikan brauchte ein mittelstarkes Reich mit großem Einfluß der katholischen Bundes-
staaten und des katholischen österreichischen Bundesgenossen als Stütze seiner
Macht. Das südische Großkapital wollte keinen Wettbewerb zwischen englischem und
deutschem Kapital, sondern Unterordnung des deutschen unter das englische und
mternationale, und wollte deshalb auch keine selbständige Weltpolitik Deutsch-
ands, sondern Unterordnung der deutschen Weltpolitik unter die englisch-amerika-
nische, innerhalb dieses Rahmens aber wirtschaftliches Gedeihen Deutschlands. Den
Zusammenbruch wünschten nur die unabhängigen Sozialisten, weil nur in einem
zusammenbrechenden Deutschland ihnen Reichtum und Macht zufallen konnten.
Das Ziel der Mehrheit war aber von vornherein eine Unmöglichkeit. Man kann
einen Krieg nur führen mit dem Ziel der völligen Niederwerfung und des restlosen
Siegs über den Feind mit allen Forderungen dieses Sieges, nicht aber mit dem Ziel
eines Zwischendings zwischen Sieg und Niederlage, mit dem Ziel eines Kriegs-
endes „ohne Sieger und Besiegte“", mit dem Ziel einer bloßen „Verteidigung“.
Ein solches Ziel wäre möglich, wenn der Feind die gleichen Absichten verfolgte;
diese Voraussetzung ist aber widersinnig; denn wenn beide Parteien nichts wollen,
als sich verteidigen, dann führen sie eben keinen Krieg miteinander. Diesen Wider=
nn fühlte auch die Mehrheit ganz gut heraus und suchte daher ihre Politik zu be-
Hründen mit der Absicht, man müsse dem Feind allmählich durch abwechselnde Nieder-
agen und Friedensangebote die Uberzeugung beibringen, er werde auch nicht mehr
als die Verteidigung seines slatus duo erreichen; den könne er aber jederzeil haben.
Die Politik des Kaisers, seiner Kanzler und der Reichskagsmehrheit ließ Deutsch-
land militärisch regelmäßig ein Stück siegreich vorwärts dringen und riß es dann
ebenso regelmäßig politisch wieder ein Stück zurück in den Wahn, damit das deutsche
Volk am gleichen Fleck der Verteidigung seiner bisherigen Grenzen und seiner bis-
berigen Machtstellung festhalten zu können. Aber dieses ständige Jurückreißen im