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das mit der Front nach Norden gegen zurückweichende Russen kämpfte.
Fast gleichzeitig wurden wir aus Neidenburg angerufen. Es wurde uns
mitgeteilt, daß feindliche Schrapnells einschlügen. Dann riß das Gespräch
ab. Alle irgendwie verfügbaren Kräfte wurden in Richtung Neidenburg
in Marsch gesetzt, um das I. A. K. in dem zu erwartenden Kampf zu unter-
stützen. General v. Francois hatte sich jedoch in seiner Tatkraft selbst ge-
holfen, und der Feind war zurückhaltender, als es ihm die Lage erlaubte.
Nachdem die Befehle gegeben waren, fuhr ich nach Hohenstein. Ich
kam zunächst über das Schlachtfeld. Es machte einen tiefen Eindruck auf
mich. Östlich Hohenstein schoben sich die eigenen Kolonnen und russische
Gefangenenmassen zusammen. Es war keine Kleinigkeit, hier Ordnung
zu schaffen. Das I. R. K. und XX. A. K. wurden längs der Straße Allen-
stein—Hohenstein untergebracht. Das Armee-Oberkommando bekam so
wenigstens zwei Korps wieder allmählich fest in die Hand.
Die Schlacht neigte sich ihrem Ende zu. Die 3. Res. Div. war tief
durch den Feind durchgestoßen und nach Muschaken, östlich Neidenburg,
gekommen. Die später hierher durch wirres Waldgelände zurückflutenden
Russen versuchten noch an mehreren Stellen den deutschen Ring zu durch-
brechen. Es kam besonders noch in Muschaken am 30. zu sehr ernsten,
heftigen Kämpfen, aber an der Entscheidung war nichts mehr zu ändern.
General Samsonow erschoß sich. Er wurde unweit Willenberg un-
erkannt beerdigt. Durch ein Medaillon, das dem gefallenen Heerführer bei
seiner Bestattung als Erkennungszeichen abgenommen war, konnte seine
Gemahlin, die in Kriegsgefangenenangelegenheiten in Deutschland war, das
Grab feststellen.
Die gefangenen russischen Kommandierenden Generale kamen nach
Osterode und meldeten sich beim General v. Hindenburg.
Die Gefangenen= und Beutezahlen sind bekannt.
Auch die blutigen feindlichen Verluste waren schwer. Die weitverbrei-
tete Erzählung, daß die Russen zu Tausenden in Sümpfe getrieben und dort
umgekommen seien, ist Mythe. Weit und breit war kein Sumpf zu finden.
Eine der glänzendsten Schlachten der Weltgeschichte war geschlagen.
Truppen hatten die Tat vollbracht, die seit Wochen, zum Teil unglücklich,
gefochten hatten. Das war nur unseren Heereseinrichtungen im Frieden
zu danken. Die Schlacht ist für Führer und Truppen, für Offizier und
Mann, für das ganze Vaterkand ein Ruhmesblatt.
Deutschland und Österreich-Ungarn jubelten — die Welt schwieg.
Die Schlacht wurde auf meinen Vorschlag die Schlacht von Tannen-
berg genannt, als Erinnerung an jenen Kampf, in dem der Deutsche Ritter-
orden den vereinigten litauischen und polnischen Armeen unterlag. Wird
der Deutsche es jetzt wie damals zulassen, daß Litauer und namentlich