Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

I.  Die  ersten  zwei  Kriegsjahre.  93

und  seinen  Staat  wollte  er  sich  unter  dessen  Trümmern  be—
graben  lassen:  als  König  will  er  auch  königlich  denken,  und
einem  solchen  müsse  sein  Ruf  teurer  sein  als  sein  Leben.
Aber  das  Unglück  begann  erst.  Auf  dem  Rückzug  nach
Schlesien,  der  endlich  angetreten  werden  mußte,  brachte  seines
Bruders  August  Wilhelm  Unfähigkeit  alles  in  Gefahr.  Un—
barmherzig,  beleidigend  ließ  Friedrich  ihn  seine  Ungnade  fühlen.
Bereit,  das  eigene  Mißgeschick  dem  blinden,  aller  Logik  Hohn
sprechenden  Zufall  zuzuschreiben  (S.  45),  kannte  er  kein  Er—
barmen  mit  dem  Manne,  den  er  auf  einen  Posten  gestellt
hatte,  für  den  seine  Fähigkeiten  nicht  ausreichten,  um  so  weniger
als  er  in  dem  Prinzen  den  Mittelpunkt  eines  Kreises  Unzu—
friedener  und  abfällig  Urteilender  vermutete.  Er  wünschte  sich
„eiserne  Eingeweide“  und  ein  „ehernes  Herz“.  Denn  ihm,  der  im
Grunde  seines  Wesens  zum  Epikuräer  angelegt  war,  schien  die
Epoche  des  Stoicismus  gekommen.  Kaum  wußte  er,  wo  zuerst
helfen  und  retten.  In  Pommern,  wo  er  die  Bildung  einer
Landmiliz  angeordnet  hatte,  standen  die  Schweden.  Nachdem
in  Hannover  Cumberland  die  halb  gewonnene  Schlacht  bei  Hastenbeck
  (26.  Juli)  kopflos  verloren  gegeben  und  Richelien,  ebenso
kopflos,  ihm  die  Konvention  von  Kloster  Zeven  bewilligt  hatte,
welche  die  hannoversche  Armee  als  neutral  außer  Gefecht  setzte,
hatten  die  Franzosen  freie  Hand  gegen  Halberstadt  und  Magdeburg.
  Wirklich  knüpfte  der  König  da  mit  Richelien  Unterhandlungen
  an,  überzeugte  sich  aber  bald  von  ihrer  Aussichtslosigkeit.
  Inzwischen  wurde  in  Ostpreußen,  wo  man  den  Bauern
Waffen  und  ehemalige  Offiziere  zu  Führern  gegeben,  dadurch
aber  höchstens  die  Russen  zu  noch  üblerem  Hausen  gereizt  hatte,
der  greise  Feldmarschall  v.  Lehwaldt,  der  den  80  000  Mann
Apraxins  nur  25.000  entgegenstellen  konnte,  bei  Groß  Jägersdorf
  (30.  August)  geschlagen,  und  die  Provinz,  auf  der  das
Königtum  beruhte,  wäre  verloren  gewesen,  hätte  nicht  das  Gerücht
  von  dem  Tode  der  Kaiserin  Elisabeth  und  die  Rücksicht
auf  die  preußenfreundliche  Gesinnung  des  Thronfolgers  den
russischen  Feldherrn  zur  Unthätigkeit  und  daun  zum  Abzug  bestimmt.
  Und  in  Schlesien,  wo  Braunschweig-Bevern  der  Uebermacht
  weichen  mußte,  erlag  General  v.  Winterfeld  der  am  J.  Sep-