Full text: Sagenbuch des Königreichs Sachsen

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Wanderer, welche diese Straße zögen, auffressen, die Syrauer aber 
ungeschoren lassen. Das ward ruchbar im ganzen Land und nie— 
mand betrat mehr die gefürchtete Straße. Hunger aber tut weh, 
dem Tiere wie dem Mienschen, und so wagte sich das Ungeheuer 
wieder an die sich ängstigenden Syrauer. Alltäglich hofften diese unter 
Flehen und Beten auf die Ankunft des tapfern Ritters St. Georg, 
der den Lindwurm töten sollte, allein es zeigte sich Keine Spur von 
dem Heiligen, soviel sie auch Messen lesen ließen. So mußten sie 
sich denn einstweilen drein ergeben und jeden Tag dem fürchterlichen 
Ungeheuer einen Menschen vorwerfen. Der kranke Gürge opferte 
sich freiwillig dem Tode. Da aber dieses weiter Rheiner nach ihm 
tun wollte, so mußten die Bauern durchs Los bestimmen, wer der 
nächste Unglückliche sein solle. Schon waren einige diesem grau- 
samen Schicksale verfallen, als auch die schöne Elsbeth, die Tochter 
des größten Bauern, das entsetzliche Los treffen sollte; schon am 
nächsten Morgen vor Sonnenaufgang sollte sie dem Drachen vor- 
geworfen werden. Als man ihr dies ansagte, ward sie totenbleich, 
denn sie hatte den schmucken Hans in ihr Herz eingeschlossen und 
wurde von diesem aufs zärtlichste wieder geliebt. Hans sagte kein 
Wort, ging fort, nahm eine Heugabel, schliff und pfiff bis tief in 
die Nacht hinein. Und als nach dem dritten Hahnenschrei das 
Mlägdlein hinausgeführt ward und alles weinte, denn die Elsbeth 
war so gut, da Rkam ihnen ein Mann entgegen, der eine lange 
Gestalt hinter sich herzog, die Heugabel auf der Schulter tragend. 
Ein Freudenschrei durchbebte bei diesem Anblich die Kühle Morgen- 
luft, da man den Hans erkannte, der den Drachen im Schlafe er- 
würgt hatte. Elsbeth war die glücklichste Braut unter der Sonne, 
und die Syrauer baueten zum Gedächtnis dieser Tat eine Kapelle 
„unserer lieben Frauen“. Deren Glocke hängt noch heute auf dem 
Syrauer Kirchturme. (Vagl. Nr. 1256.) 
517. Das Hochzeitsgeschenk des Otterkönigs. 
Eisel, Sagenbuch d. Vogtl., Nr. 415. 
In einem Dorfe des sächsischen Vogtlandes hatte eine arme 
Viehmagd eine Otter aus den Milchnäpfen saufen sehen, und weil
	        
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