Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechzehnter Jahrgang. 1900. (41)

Aen.  (Mai—Juni  10.)  303

liche  Leute  gewesen,  die  versehentlich  getötet  wurden.  Die  Folgze  dieser
Niederlage  war  die  Absetzung  des  Kreisvorstehers  Tschuang,  worüber  die
Rebellen  große  Genugthuung  empfanden  und  jubelten.  Seit  dieser  Zeit
find  die  Rebellen  in  ihren  Angriffen  gegen  die  Missionen  immer  verwegener
geworden,  und  während  sich  im  Anfange  das  Unwesen  lediglich  auf  Enhsien
und  Ping  hyüen  hfien  beschränkte,  breitete  es  sich  nachher  auch  auf  die  Kreise
Schy  ping  hsien  und  BMu  tschen  hsien  aus,  ja  pflanzte  sich  sogar  bis  in
mehrere  Kreise  der  Provinz  Tschili  fort.  Da  die  amerikanischen  Missionäre
in  ihren  Briefen  und  Telegrammen  die  Schuld  an  Allem  dem  Provinz-=gouverneur
  zuschrieben  und  der  amerikanische  Gesandte  dies  auch  im  Tsungli-Homen
  mitteilte,  wurde  der  Gouverneur  seines  Postens  enthoben  und  der
eneral  Yuan  zu  seinem  Nachfolger  ernannt.

Da  die  Boxerbanden  sich  in  Peking  festsetzen,  fordern  die  Gesandten
Deutschlands.  Englands,  Amerikas,  Frankreichs  ihre  Unterdrückung,  widrigenfalls
  europäische  Truppen  gelandet  werden  würden.

Mai.  Juni.  (China.)  Ausbreitung  des  Boxer-Aufstandes.
Metzeleien.  Haltung  der  Regierung.

Die  Boxer  verüben  Ausschreitungen  gegen  Fremde  und  eingeborene
Christen.  Zwischen  Peking  und  Paotingfu  werden  73  Christen  ermordet,
viele  andere  Metzeleien  finden  statt.  Die  europäischen  Mächte  senden  Schutzwachen
  für  die  Gesandtschaften  nach  Peking.  Die  Regierungstruppen  fraternisieren
  mit  den  Boxern.  Am  4.  Juni  wird  die  Bahnverbindung  zwischen
Tientfin  und  Peking  unterbrochen.  Am  12.  wird  der  Kanzler  der  japanischen
  Gesandtschaft  in  Peking  von  Soldaten  der  Leibgarde  der  Kaiserin
ermordet.  Am  18.  Juni  wird  der  deutsche  Gesandte  v.  Ketteler  durch
einen  chinesischen  Soldaten  ermordet.  (Vgl.  Staats-Archiv  Bd.  64.)

Am  25.  Juni  erläßt  die  Kaiserin  folgendes  Edikt:  „Wir  führen
jetzt  mit  den  Ausländern  Krieg.  Die  Boxer,  Patrioten  und  das  Volk  find
gemeinsam  mit  den  Regierungstruppen  wiederholt  in  ihren  Schlachten  gegen
die  ausländischen  Feinde  siegreich  gewesen.  Wir  haben  schon  keiserliche
Kommissäre  ausgesandt,  um  kaiserliche  Lobeserhebungen  und  Ermahnungen,
diese  Erfolge  zu  erneuern,  zu  überbringen.  Es  müssen  in  allen  Provinzen
des  Reiches  Männer  von  gleichem  Patriotismus  und  gleicher  Kühnheit  aufstehen
  und  Wir  befehlen  deshalb  allen  Vizekönigen  und  Gouverneuren,
solche  Männer  in  die  Listen  aufzunehmen  und  als  Truppen  zu  organisieren.
Sie  werden  zweifellos  in  dem  Krieg  mit  den  fremden  Mächten  von  großem
Nutzen  und  Hilfe  sein.  Dieses  Dekret  soll  allen  hohen  Würdenträgern  des
Reiches  mit  einer  Schnelligkeit  von  200  Meilen  per  Tag  zugesandt  werden."“

10.  Juni.  (China.)  Der  englische  Admiral  Seymour  bricht
mit  2000  Mann  von  Tientsin  nach  Peking  auf.  Er  wird  durch
Boxer  und  chinesische  Soldaten  am  15.  zum  Rückzug  gezwungen
und  am  25.  Juni  durch  eine  von  Tientfin  kommende  europäische
Abteilung  ausgenommen.

Der  Bericht  Seymours  lautet:  Ich  habe  Peking  nicht  mit  der
Eisenbahn  erreichen  können  und  bin  mit  meinem  Detachement  nach  Tientfin
zurückgekehrt.  Am  13.  Juni  wurden  zwei  Angriffe  des  Boxers  auf  die
Vorhut  mit  großen  Verlusten  für  die  Boxers  und  ohne  Verluste  für  uns
zurückgewiesen.  Am  14.  Juni  griffen  die  Boxers  in  Langfang  unseren  Zug
an,  wurden  aber  wieder  zurückgeschlagen;  sie  hatten  ungefähr  100  Todte,
während  auf  unserer  Seite  5  Italiener  fielen.  Am  Nachmittage  desselben