Full text : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Erster Band. (1)

Die  Edelfrau.  241

in  Sachen  des  Genusses  stehen  wieder  Frauen,  deren  entsagungsvolle
  Tugend  ans  Uebermenschliche  streift.  Auf

Tempo  kuturo  ui'è  gia  nel  cospetto,

Cui  non  sarà  qduest'’ora  molto  antica,

Nel  qual  sarà  in  pergamo  interdetto
Alle  sfacciate  donne  Fiorentine

L’andar  mostrando  con  le  poppe  il  petto.

Dagerade  von  Italien  die  Rede  ist,  so  mögen  zur  Vergleichung
mit  dem  deutschmittelalterlichen  weiblichen  Schönheitsideal,  wie
wir  es  durch  unsere  höfischen  Dichter  aufstellen  sahen,  die  Strophen
hier  stehen,  in  welchen  zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  Ariosto
eine  der  Heldinnen  seines  großen  Gedichts  schilderte,  die  Alcina
(Orlando  furioso,  VII,  11  fg.  Uebers.  v.  Streckfuß):  —

Von  höherm  Reiz  ist  die  Gestalt  umfangen

Als  je  ersann  des  Malers  Kunst  und  Fleiß.

Die  langen  blonden  Lockenhaare  prangen

Und  rauben  selbst  dem  Gold  des  Glanzes  Preis.
Verbreitet  ist  auf  ihren  zarten  Wangen

Die  Rose  Glut,  vermischt  mit  Lilienweiß.

Die  frohe  Stirn,  von  Elfenbein  gedrehet,

Ist  nicht  zu  wenig,  nicht  zu  viel  erhöhet.

Man  siehet  unter  schwarzen  feinen  Bögen

Zwei  schwarze  Augen,  ja  zwei  Sonnen  steh'n,
Huldvoll  im  Blicken,  sparsam  im  Bewegen,

Um  sie  her  kann  man  Amor  flattern  seh'n.

Hier  prüft  er  scherzend  jedes  Pfeils  Vermögen,
Und  siehst  du  ihn,  doch  kannst  du  nicht  entgeh'n.
Die  Nase  mitten  durch  das  Antlitz  steiget

So  schön  hernieder,  daß  der  Neid  auch  schweiget.

Und  drunter,  zwischen  zweien  Grübchen,  stehet

Der  Mund,  dem  Purpur  ewig  frisch  entsprießt,
Scherr,  Frauenwelt.  I.  16