Volltext : Politische Geschichte der Gegenwart. V Das Jahr 1871. (5)

Favre's  Rundschreiben  über  seine  Sendung  nach  London.  63

lichen  Klagen  über  das  Bombardement  und  die  „unmenschlichen
Hinschlachtungen“  schloß  Favre  sein  Cirkular  mit  den  Worten:  „Ich
kann  nicht  daran  denken,  mich  in  dieser  Krisis  von  der  „braven“
Pariser  Bevölkerung  zu  trennen.  Vielleicht  setzen  unsere  an  Europa
gerichteten  Protestationen  wie  die  der  in  Paris  anwesenden  Mitglieder
  des  diplomatischen  Corps  derselben  bald  ein  Ziel.  England
wird  begreifen,  daß  bis  dahin  mein  Mlatz  in  der  Mitte  meiner
Mitbürger  ist.“

Was  will  nun  Favre  mit  seiner  langen,  phrasenreichen,  wie
eine  Schlange  rechts  und  links  sich  hinwindenden  Depesche  vom
12.  Januar  sagen?  Zunächst  zieht  er  aus  dem  bloßen  Umstand,
daß  das  im  Krieg  befindliche  und  aus  tausend  Wunden  blutende
Frankreich  zu  der  Konferenz  eingeladen  worden  ist,  den  Schluß,  daß
die  neutralen  Mächte  voll  Wohlwollen  für  dasselbe  und  mit  seinem
Protest  über  die  erlittenen  Gewaltthaten  einverstanden  seien.  An
Wohlwollen  fehlte  es  allerdings  da  und  dort  nicht;  doch  drückte  die
Einladung  an  und  für  sich  nichts  aus;  denn  als  Mitunterzeichner
des  Vertrages  von  1856  mußte  Frankreich  zu  der  Konferenz  eingeladen
  werden.  Dort  angekommen,  wollte  Favre  als  Repräsentant,
als  der  legitime  Vertreter  Frankreichs,  wie  er  sich  selbst  nennt,  auftreten,
  obgleich  die  Regierung  der  nationalen  Vertheidigung  noch
nicht  einmal  von  Frankreich,  geschweige  von  den  fremden  Mächten
anerkannt  war  und  genau  genommen  Favre  und  seine  Kollegen  nur
als  Vertreter  von  Paris,  nicht  von  Frankreich  angesehen  werden
konnten.  Wurde  er,  woran  er  nicht  zweifelte,  in  London  als  der
legitime  Repräsentant  Frankreichs  aufgenommen,  so  schloß,  nach  seiner
Meinung,  der  Geleitschein,  den  er  vom  Grafen  Bismarck  empfangen
sollte,  zugleich  die  förmliche  Anerkennung  seiner  Stellung  als  Repräsentant
  Frankreichs  in  sich.  Somit  sollte  Bismarck,  ohne  daß  er  etwas
davon  ahnte,  durch  seine  Unterschrift  den  ersten  officiellen  Schritt
zur  Anerkennung  des  Repräsentanten,  seiner  Regierung  und  der  Republik
  thun.  Und  dies  sollte  er  thun,  ohne  auch  nur  einen  Dank
dafür  zu  haben;  denn  nicht  die  provisorische  Regierung  in  Paris,
sondern  das  englische  Kabinet  sollte  den  Geleitschein  auswirken.  Und
wenn  so  alle  Wege  geebnet  waren,  dann  wollte  Favre  in  der  Konferenz
  nicht  bloß  von  der  Frage  des  schwarzen  Meeres,  sondern  noch
weit  mehr  von  Frankreich  reden  und  das  preußische  „Barbarenthum“
vor  das  Forum  GEuropas  ziehen.  Er  wollte  also  in  London  die