Full text : Europäischer Geschichtskalender. Elfter Jahrgang. 1870. (11)

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Die  süddeutschen  Staaten.

vielleicht  schon  die  Kanonen  gesprochen.  Becher  verwahrt  seinen  Antrag  gegen
die  Deutung,  als  ob  er  den  Parteikampf  hereinwerfen  wollte!  Der  Erfolg
werde  dafür  zeugen!  Die  Wahl  einer  besondern  Commission  stehe  der  Dringlichkeit
  nicht  im  Wege.  Diese  könne  morgen  schon  Bericht  erstatten.  Mayer
(Haupt  der  „Beobachter“-Partei)  ergreift  das  Wort  gegen  die  Weitläufigkeit
einer  Commisionswahl,  die  Parteien  seien  auch  in  der  Finanzcommission“  repräsentirt.
  Er  habe  bis  gestern  geglaubt,  es  könnte  die  Volkspartei  die  Consequenz
  ihrer  bisherigen  Haltung  ziehen.  Durch  eine  württembergisch-  bayerische
  Neutralität  würde  Oesterreich  die  Gelegenheit  gegeben,  sich  an  einem
nationalen  Krieg  zu  betheiligen.  Er  gehe  von  der  Ansicht  aus,  daß  die  Unversehrtheit
  Deutschlands  an  der  Donau  wie  am  Rhein  sestzuhalten,  und  empfinde
  schmerzlich,  die  Lostrennung  der  österreichischen  Macht.  Es  fehle  uns
in  Oesterreich  der  linke  Arm  zur  Vertheidigung.  Da  aber  die  bayerische
Kammer  ein  Nein  ausgesprochen,  so  sei  jetzt  nichts  mehr  übrig,
als  unter  den  preußischen  Oberbefehl  zu  treten  und  sich  an  dem
Kriege  zu  betheiligen.  Große  politische  Discussionen  seien  nicht  mehr
möglich,  und  nichts  mehr  zu  wünschen,  als  der  Sieg  der  deutschen  Waffen,
die  in  diesem  Fall  mit  Preußen  ziehen.  Auch  die  Einsichtnahme  von  den
Aufschlüssen  der  Regierung  sei  mehr  noch  Formsache,  und  können  dieselben
dem  Lande  gegeben  werden.  Er  bittet  daher  Becher,  seinen  aus  einem  gemeinsamen
  Beschluß  ihrer  Partei  hervorgegangenen  Antrag  zurückzuziehen.
Becher  entspricht  dieser  Bitte.  Wiest  mahnt  noch  die  Commission,  keine  Motivirung
  zu  geben,  da  eine  solche  morgen  die  heutige  Einstimmigkeit  zerstören
könnte.  Der  Antrag  Hölder's  wird  einstimmig  angenommen.  Während
der  Sitzung  erschallt  mehrfach  von  der  Tribüne  der  Beifall  begeisterter  Zuhörer,
  und  von  draußen  herein  dringen  die  Rufe  einer  lebhaft  erregten  Volksmenge.
  Die  heraustretenden  Abgeordneten  werden  mit  lauten  Hochrufen  empfangen.



21.  Juli.  (Baden).  Die  franz.  Regierung  hat  offenbar  Lust,  Baden

22.

bei  einem  allfälligen  Einrücken  der  franz.  Armee  in  dasselbe  schonungslos

  und  auf's  härteste  zu  behandeln.

Der  franz.  Minister  des  Auswärtigen,  Herzog  v.  Gramont,  verlangt  durch
seinen  Souschef  v.  Ring  vom  badischen  Gesandten  in  Paris  rasche  und  kategorische
  Auskunft  darüber,  ob  wirklich,  wie  dem  kaiserl.  Kriegsministerium
von  der  Grenze  berichtet  werde,  explosive  Flintenkugeln  unter  die  badischen
Truppen  vertheilt  worden  seien,  da  Baden  der  Petersburger  Convention  bez.
Sprengkugeln  nicht  beigetreten  sei:  wäre  die  Thatsache  richtig,  so  würde  sich  die
kaiserl.  Regierung  zu  Repressalien  genöthigt  sehen,  und  zwar  würde  sie  sofort
auch  an  ihre  Truppen  Sprengkugeln  vertheilen,  und  das  Großh.  Baden  als
außerhalb  des  Völkerrechts  stehend  betrachten;  Baden  würde  verwüstet  werden
wie  die  Pfalz  unter  Ludwig  XIV.,  und  einer  vollständigen  Vernichtung  ausgesetzt
  sein,  selbst  Frauen  würden  nicht  geschont  werden  (mme  les  femmes  ne
Seraient  pas  Cpargnées).  Der  Gesandte  erklärt,  Baden  sei  der  Petersburger
Convention  allerdings  beigetreten  und  läßt  sich  durch  das  Petersburger  Cabinet
bezeugen,  daß  sein  Beitritt  am  15.  Januar  1869  allen  Regierungen,  also  auch
der  kaiserl.  französischen,  in  aller  Form  angezeigt  worden  sei.

„  (Württemberg).  Die  II.  Kammer  bewilligt  den  von  der
Regierung  geforderten  außerordentlichen  Militärcredit  mit  85  gegen
1  Stimme.  Motivirte  Abstimmungen.

Die  Commission  beantragt  einstimmig:  Hohe  Kammer  wolle  dem  Gesetzentwurf
  mit  einer  Einschaltung,  beziehungsweise  Aenderung  zustimmen.  Abg.
Mohl  hat  seiner  Abstimmung  in  der  Commission  folgende  Erklärung  beigefügt:
  „Der  Unterzeichnete  würde  für  bewaffnete  Neutralität  gestimmt  haben,
wenn  diese  in  Bayern  angenommen  worden  wäre.  In  der  jetzt  eingetretenen