Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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Verpflichtung,  in  der  Provinz  Fukien  (gegenüber  dem
japanischen  Formosa)  keine  Bergwerke,  Eisenbahnen,
Schiffswerften,  Hafenanlagen  mit  Hilfe  fremden  Kapitals
  zu  schaffen;  Zustimmung  zum  Bau  mehrerer
Eisenbahnlinien  in  den  Provinzen  südlich  vom  mittleren
  Yangtse  durch  Japan.

Mit  diesem  ungeheuerlichen  Programm  trat  Japan
mit  einem  Schlage  aus  den  Schranken  der  von  England
  mühevoll  ersonnenen  politischen  Raumverteilung
  heraus  und  drang  rücksichtslos  in  die  englischen,
amerikanischen  und  selbst  russischen  Interessengebiete
ein;  es  schien  entschlossen,  die  Bindung  der  europäischen
  Mächte  durch  den  Krieg  aufs  äußerste  auszunutzen.
  Die  Forderungen  müssen  für  England  wie
für  Amerika  eine  schmerzliche  überraschung  gewesen
sein;  aber  beide  wagten  im  Gefühl  ihrer  Ohnmacht
keinen  lauten  Widerspruch.  Amerika  beschränkte  sich
auf  eine  lahme  Anfrage  bei  Japan  nach  seinen  Absichten,
  und  ob  England,  wie  mehrfach  behauptet  ist,
ebenso  wie  Frankreich  und  Rußland  ihre  Haltung  von
der  weiteren  Beteiligung  Japans  an  dem  Kriege  in
Europa  abhängig  gemacht3haben,  ist  zur  Zeit  nicht  feststellbar.
  Ebenso  ist  nicht  nachzuweisen,  ob  und  inwieweit
  etwa  englische  Mahnungen  auf  Japans  Vertretung
  seiner  Ansprüche  eingewirkt  haben.  Unterschätzt
  werden  darf  hierbei  auch  nicht  der  Sturm  der
Entrüstung,  den  die  Forderungen  in  ganz  China
entfesselten.  Der  Präsident  Yuan  Schi-kai  hat  große
Mühe  gehabt,  dem  von  allen  Seiten  gegen  ihn  anstürmenden
  Drängen  nach  bewaffnetem  Widerstande
gegen  die  japanische  Vergewaltigung  standzuhalten
und  statt  dessen  ruhig  und  zäh  zu  verhandeln;  er
kannte  die  Unzulänglichkeit  der  Machtmittel  seines
Landes  und  wußte,  daß  ein  kriegerisches  Vorgehen
Chinas  den  japanischen  Bedrängern  nur  in  die  Hände
arbeiten  würde.  Es  gelang  ihm,  bei  Japan  eine  Ermäßigung
  seiner  Forderungen  insofern  durchzusetzen,
als  es  au  die  der  5.  Gruppe  mit  Ausnahme  der  Bestimmungen
  über  Fukien  und  die  Eisenbahnlinien
verzichtete.  Das  übrige  mußte  von  China  im  Mai
1915  zugestanden  werden.  Es  ist  dies  noch  immer
so  viel,  daß  schwere  Krisen  für  die  Zukunft  unausbleiblich
  erscheinen.  In  China,  wo  seit  Jahren  die
bald  heimliche,  bald  offene  Bedrohung  durch  Japan
eine  immer  allgemeiner  werdende  Erbitterung  hervorgerufen
  hat,  ist  jetzt  die  Erkenntnis  herangereift,  daß,
wenn  die  staatliche  Selbständigkeit  nicht  völlig  verlorengehen
  soll.  man  sich  auf  eine  frühere  oder  spätere
kriegerische  Auseinandersetzung  mit  dem  machtgierigen
  Nachbar  vorbereiten  muß.  Der  letzte  überfall
Japans  bewirkte,  daß  der  Norden  und  der  Süden  noch
einmal  einig  wurden.  Der  Widerstand  gegen  die  Regierung
  Yuan  Schi-kais  wurde  aufgegeben,  und  die
Provinzen  schlossen  sich  fester  gegen  den  gemeinsamen
Feind  zusammen.  Man  suchte  die  Zentralregierung
vor  allem  durch  Aufbringung  innerer  Anleihen  finanziell
  zu  stärken  und  bemühte  sich,  den  Japanern  einstweilen
  wirtschaftliche  Schwierigkeiten  zu  machen,  wo
immier  sich  eine  Möglichkeit  dazu  bot.  Des  weiteren
aber  erkannte  China.  daß  von  England  und  —  worauf
  es  wohl  am  meisten  gehofft  —  von  Amerika  Hilfe
nicht  zu  erwarten  sei,  daß  es  sich  für  die  Zukunft  vor
allem  auf  die  eigene  Kraft  verlassen  müsse,  und  daß,
wenn  ihm  überhaupt  noch  eine  Rettung  vor  seinen
japanischen,  englischen,  französischen  und  russischen
Berängern.  werden  soll,  der  Sieg  der  deutschen  Waffen
  dafür  die  erste  Voraussetzung  sei.  An  dieser  Erkenntnis
  hat  auch  der  von  Amerika  erpreßte  Abbruch

I.  Politik  und  Geschichte

der  diplomatischen  Beziehungen  zu  Deutschland,  wie
sich  unten  ergeben  wird,  nichts  Wesentliches  geändert.

Unter  den  dargelegten  Verhältnissen  kann  es  nicht
wundernehmen,  wenn  Japan  im  weiteren  Verlaufe
des  Krieges  den  englischen  Wünschen  nur  insoweit
willfährig  gewesen  ist,  als  es  seinen  eigenen  Inter.
essen  entsprach.  Sich  an  dem  von  England  ins  Werk
gesetzten  Kampfe  gegen  den  deutschen  Handel  in  Ostasien
  zu  beteiligen,  hat  es  zunächst  nicht  für  zweckmäßig
gehalten  es  hatte  kein  Interesse  daran,  die  deutschen

aufleute  von  den  chinesischen  und  japanischen  Märkten
  zu  verdrängen,  damit  die  englischen  ihren  Platz
einnehmen  könnten.  Die  wiederholten  Aufforderungen
  Englands  und  Frankreichs,  nach  dem  Vorbilde

eider  Regierungen  alle  Deutschen  auszuweisen  oder
gefangenzuseten  und  jeden  Handel  mit  Deutschen  in

hina  zu  verbieten,  hat  es  abgelehnt,  nur  ein  Verbot,
  deutsche  Waren  auf  japanischen  Schiffen  zu  ver.
frachten  sowie  mehrere  andere  Einschränkungen,  wie
Schließung  der  Deutsch-Asiatischen  Bank  u.  a.,  sind
schließlich  zugestanden  worden.  Daß  aber  Japan  jemals
  im  Einst  daran  gedacht  haben  oder  denken  sollte,
zur  Unterstützung  seiner  Verbündeten  Truppen  auf

ie  europäischen  Kriegsschauplätze  zu  entsenden,  ist
schon  aus  militärtechnischen  Gründen  im  höchsten
Maße  unwahrscheinlich;  es  ist  auch  unerfindlich,  welchem
  vernünftigen  politischen  Zwecke  ein  solches  Abenteuer
  hätte  dienen  sollen.

Hat  das  japanische  Bundesverhältnis  zu  England
somit  während  des  Krieges  seinen  inneren  Halt  verloren,
  so  ist  dafür  ein  engerer  Anschluß  Japans  an
Rußland  angebahnt  worden.  Dieser  Anschluß  hat
schon  in  dem  erwähnten  Abkommen  von  1910  seine
erste  Grundlage  erhalten  und  dient  dem  Zwecke,  die
ostasiatische  Länderbeute  ohne  Rücksicht  auf  England
und  Amerika  zu  teilen.  Eine  Reibungefläche  dürfte
dabei  allerdings  die  östliche  Mongolei  abgeben,  über
die  sich  Japan  in  der  zweiten  Gruppe  seiner  Forderungen
  weitgehende  Rechte  von  China  hat  zusprechen
lassen,  und  in  der  auch  starke  russische  Interessen  vorhanden
  sind,  zumal  die  Grenzen  zwischen  der  östlichen
und  der  äußeren  Mongolei  noch  als  durchaus  flüssig.
gelten  müssen.  Es  handelt  sich  hierbei  vor  allem  um
den  Bau  der  sehr  wichtigen  Eisenbahn  vom  Baikalsee
über  Urga  nach  Kalgan  mit  dem  Anschluß  an  die  Linie
  nach  Peking.  Noch  während  des  Krieges.  am  17.
September  1914,  soll  Rußland  mit  der  erst  von  ihm
im  Jahre  1912  geschaffenen  #  unabhängigen=  mongolischen
  „Regierung=  ein  dahin  zielendes  Abkommen
getroffen  haben,  und  im  Februar  1915  stellte  der  Minister
  Ssasonow  in  der  Duma  die  baldige  Mitteilung
von  »der  Unterzeichnung  des  dreifachen  russischchinesisch-mongolischen
  Vertrages  in  Aussicht.  Nach
Berichten  aus  Ostasien  soll  dieser  Vertrag  auch  im
Juni  1915  unterzeichnet  worden  sein,  indessen  für
das  frühere  russisch-mongolische  Abkommen  eine  Einschränkung
  insofern  gebracht  haben,  als  er  ausdrücklich
  erklärt,  daß  „die  äußere  Mongolei  ein  Teil  des
chinesischen  Lündergebietes  bleibte.

Wie  völlig  sich  das  Verhältnis  Englands  zu  Japan
durch  die  Haltung  des  letzteren  verschoben  hatte,  sollte
recht  bald  noch  deutlicher  werden.  Im  Oktober  1915
unternahm  England  ohne  Kenntnis  Japans,  uber
vermutlich  im  Einverständnis  mit  Amerika  den  Versuch.
  China  zum  Eintritt  in  den  Krieg  an  seiner  Seite
zu  überreden,  einmal  um  den  deutschen  Handel  wirksamer
  schädigen  zu  können,  und  dann  um  das  von
Japan  schwer  bedrängte  China  und  zugleich  die  stark