Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Kriegsberichte:  Die  russische  Märzoffensive  1916;  Aprilkämpfe  1916  201

wachen  wurde  jedoch  vom  Gegner  völlig  eingeschlossen.
  Ihr  schneidiger  Führer  wehrte  sich  eine  Nacht
und  den  folgenden  Tag  gegen  erdrückende  übermacht.
Dann  gelang  es  ihm,  sich  bei  Dunkelheit  mit  Hilfe
unserer  Artillerie  an  der  Spitze  seiner  Ueinen  Schar
fast  ohne  Verluste  und  sogar  unter  Mitnahme  einiger
russischer  Gefangener  nach  rückwärts  durchzuschlagen.
Gefangene  sagten  aus,  daß  die  Russen  bei  diesen  Gefechten
  um  die  Feldwachen  etwa  zwei  Bataillone  verloren

  hätten.

Vor  der  unerschütterten  Front  der  Armee  Eichhorn
hielt  der  erschöpfte  Angreifer  am  24.  und  25.  März
verhältnismäßig  Ruhe  und  sammelte  Kraft  zu  neuer
Anstrengung.  -

Im  Abschnitt  südlich  des  Dryswjaty-Sees,  am
Flügel  der  Armeeabteilung  Scholtz,  war  es  inzwischen
auch  zu  lebhaften  und  heftigen  Kampfhandlungen  gekommen.
  Nachdem  der  Gegner  an  mehreren  Stellen
Ausfallgassen  in  seine  Drahthindernisse  gelegt  hatte,
begann  er  am  Morgen  des  19.  März  den  erwarteten
Angriff.  In  sechs  bis  acht  mächtigen  Wellen  wälzten
sich  die  russischen  Massen  heran.  Uber  die  im  Feuer
zusammenbrechende  Welle  türmte  sich  sofort  eine  neue
Angriffswoge.  Der  Wind,  der  diese  Flut  anschwellen
ließ,  war  das  russische  Feuer  in  den  Rücken  der  eigenen
  Infanterie.

Alle  Unstrengungen  und  Opfer  sind  verpebück.
Nur  an  zwei  Stellen  halten  die  Russen  bei  Tagesanbruch
  des  20.  März  geräumte  deutsche  Feldwachstellungen.
  Schon  setzt  der  Gegenangriff  ein.  Ein
Landwehrregiment  nimmt  im  kühnen  Gegenstoß  seine
verlorenen  Grabenstücke  wieder;  eine  Kavalleriebriade

  stürmt  mit  dem  Karabiner  und  nimmt  den  überebenden
  Teil  der  eingedrungenen  Russen  —  1  Offi=*
  und  120  Mann  —  geiangen.  Vor  der  Front
iegen  —  gezählt  —  über  1000  Leichen.  Weitere  russische
  An  us  bis  22.  März  scheitern  in  gleicher  Weise.
In  der  Nacht  zum  23.  März  rennt  der  Gegner  viermal
  verzweifelt  an.  Zweimal  gelangt  er  an  die  Hindernisse,
  jedesmal  muß  er  unter  verheerenden  Verlusten
  weichen.  Die  genannte  Kavalleriebrigade  allein
zählt  930  Leichen  vor  ihrer  Stellung.  Über  Berge
von  Toten  und  Verwundeten  hinweg  stürmt  der
Russe  am  25.  März  bald  nach  Mitternacht  noch  einmal.
  Jetzt  soll  es  gelingen.  Der  Befehl  fordert  den
Durchbruch,  ganz  gleich  unter  welchen  Opfern.  Kosaken
  hinter  der  Front  bearbeiten  die  Infanterie  mit
der  Peitsche.  Nach  nutzlosem  Ansturmn  fluten  die  Reste
der  Regimenter  zurück.  Dann  herrscht  Ruhe,  und  der
Feind  hat  ee  seine  Verluste  der  Tage  vom
19.  bis  25.  März  festzustellen.  Sie  betragen  mindestens
  8200  Mann.

Weiter  nördlich  im  Gelände  der  Bahn  Wilna-Dünaburg
  und  der  Straße  Kowno-Dünabur
setzt  in  derselben  Zeit  eine  gleich  heftige  und  glesc
erfolglose  Offensive  ein.  Ohne  Artillerievorbereitung
  will  der  Feind  in  der  Nacht  zum  22.  März
die  dortige  Front  überrumpeln.  Man  läßt  ihn  herankommen
  bis  an  und  in  die  Hindernisse;  dann  schlägt
ihm  vernichtendes  Feuer  entgegen.  Die  fliehende  russische
  Infanterie  findet  in  der  Dunkelheit  und  Verwirrung
  die  Lindernisgassen  nicht  und  drängt  sich  wie
eine  Shafterde  in  dicken  Haufen  zusammen.  Maschinengewehre
  verrichten  unbarmherzig  ihre  fürchterliche
  Arbeit.  Am  Lawkessabach  bleiben  600  Tote.  Nun
greift  die  russische  Artillerie  ein  und  bereitet  einen

neuen  Angriff  vor.  6  Regimenter  von  drei  verschiedenen
  Divisionen  stürmen  und  werden  aufgerieben.

Der  23.  März  bringt  eine  Steigerung  desruf.
sischen  Artilleriefeuers.  11400  Schuß  werden

ezählt,  darunter  etwa  275  schwerster  Kaliber.  Umsaie
  Die  Infanterie  kommt  nur  auf  400  m  heran
und  muß  bewegungslos  liegen  bleiben.  Ein  erneuter
überraschungsangrf  schlägt  baͤnzich  fehl  und  kostet
wieder  Hunderte  von  Toten.  Wie  zur  Rache  antwortet
  der  Russe  mit  einem  im  Osten  bisher  unerhörten
  Trommelfeuer  —  aber  es  erfolgt  kein  Angriff
mehr.  Vom  26.  März  ab  herrscht  Ruhe  beiderseits
des  Dryswjaty-Sees.

Gegen  die  Einbruchsstellen  in  der  Front  der  Armee
Eichhorn  setzt  die  russische  Führung  am  26.  März
noch  einmal  gleichzeitig  mit  aller  Kraft  den  Hebel  an.
Nach  heftigem  Artilleriefeuer  drücken  auf  der  Frontlinie
  Spiaglia-Südrand  des  Narotsch-Sees
vier  Divisionen  vor.  Der  unter  furchtbaren  Verlusten
abgeschlagene  Angriff  wird  am  Nachmittag  erneuert.
Unter  Zurücklassung  von  3000  Toten  weicht  schließlich
  der  Gegner  in  seine  alten  Stellungen  zurück.  Auch
südlich  Wileity  scheitern  methrfache  Angriffe.

Der  27.  März  läßt  für  den  Verteidiger  einen
schönen  Erfolg  heranreifen.  Es  gelingt,  durch  kräftige
  Vorstöße  dem  Feinde  größere  Teile  des  uns  am
21.  März  entrissenen  Geländestreifens  wieder  abzunehmen.
  1300  Mann  mit  15  Offizieren  bleiben  in
unserer  Hand.  Heftige  russische  Gegenstöße,  die  sich
auch  am  folgenden  Tage  wiederholen,  bleiben  erfolglos.
  Fünf  starke  Angriffe  scheitern  unter  großen  Verlusten.
  Gleiche  Mißerfolge  erleiden  Massenangriffe
der  45.  Division  und  2.  sibirischen  Schützendivision
südöstlich  Muljarsche.

Der  30.  März  bringt  das  Ende  der  russischen
Offensive.  Sie  ist  erstickt  in  „Blut  und  Sumpfe.

Von  etwa  14  Divisionen,  die  die  Hauptlast  des
Kampfes  zu  tragen  hatten,  sind  etwa  2  Divisionen
vernichtet,  8  Divisionen  haben  wohl  die  Hälfte  ihres
Bestandes  verloren.  Die  blutigen  Verluste  in  der
Vei  vom  18.  bis  30.  März  im  Angriffsraum  zwischen

eresina  und  Disna  sind  auf  weit  über  100000
Mann  zu  schätzen.  Mit  ungeheuren  Opfern  konnten
die  Russen  keine  Fuge  lockern  in  der  nindenburgwand.

Ein  kleines  Steinchen  bröckelten  sie  heraus  —  dort
bei  Blizniki  am  Narotsch-See.  Dieses  Steinchen  haben
wir  ersetzt  und  wieder  eingefügt.  Wir  haben  noch
eine  Mauer  davor  gebaut  —  am  28.  April.  Die  Arbeit
  brachte  reichen  Lohn:  5  Geschütze,  10  Minenwerfer,
  28  Maschinengewehre,  5600  Gefangene  mit
56  Offizieren.  Damit  ist  für  uns  die  russische  Märzoffensive
  1916  beendet.

Im  April!.
Beröffentlicht  am  13.  Mal  1916.

I.

Eine  Darstellung,  welche  es  unternimmt,  die  kriegerischen
  Ereignisse  zusammenzufassen,  welche  sich  wahrend
  eines  bestimmten  Kalenderabschnittes,  also  etwa
innerhalb  eines  Monats,  abgespielt  haben,  trägt
eine  Gefahr  in  sich:  sie  ist  dem  Mißverständnis  ausgesetzt,
  als  stelle,  was  rein  zahlenmäßig  durch  den
Monatsbeginn  und  -schluß  abgegrenzt  ist,  auch  innerlich
  ein  in  sich  abgeschlossenes  Ganzes  dar,  während

1  Kurze  Übersicht  der  Kämpfe  vor  Verdun,  im  Osten,  Westen
und  im  Orient.