54 Ernst Troeltsch
Idee ist auch die Ausführung. Sie zerfällt in zwei eng zusammenhängende,
aber doch verschiedene Unternehmungen. Das eine ist die Beeinflussung
der Tagespresse und kleinen Literatur, in der das Groteskeste
und Gröbste gerade gut genug ist. und vor den Hunnen, Barbaren,
Kindermördern, Kannibalen dem Leser Gruseln gemacht wird.
Die Masse verlangt die groben Mittel, wobei durch Bilder und Films
nachgeholfen werden muß, die nötigenfalls dafür einfach zurecht gemacht
werden. Das anderc ist die vornehme Literatur der Gelehrten und berühmten
Antoren, die in anständiger Sprache mit wissenschaftlichen Beweisen
die Minderwertigkeit oder doch die Gefährlichkeit des deutschen
Geistes, zum mindesten in seiner beklagenswerten modernen Entwicklung,
eingehend schildern. Sie werden in unzähligen Exemplaren verbreitet
und reichen den Schatz der Schlagworte und Theorien dar, mit
denen unisono die niedere Presse arbeitet, sobald sie neben Greuelerzäh-=lungen
noch einiges Sachliche darbieten will. Hierin ist die englische Publizistik
natürlich von der französischen reichlichst unterstützt, ja die letztere
liefert aus altem Besitz und neuen Erfindungen ihrerseits der englischen
oft die wirksamsten Pointen und feindseligsten Lichter, während der russischen
Publizistik natürlich eine ähnliche Weltwirkung nicht zukommt.)
3) Die wichtigsten Bücher sind folgende: J. W. Allen, Germany and Europe,
London 1914. Es beschäftigt sich mit Englands Grund und Recht zum
Kriege. Dieser Grund liegt in der Existenz Deutschlands überhaupt, das durch
seine bloße geographische Lage und deren Unsicherheiten eine Bedrohung Enropas
bedeutet, und vor allem in der deutschen Mentalität. „The existence in
Europe of a great state specialised for military purposes and directed by
people dominated by such views, this is the immediate cause of the war“ 56.
„These deficiencies account for the odd stupidity which marks almost all German
work. The German mind is at once powerfull and dull“ 46. Als Beweis
für diese Mentalität werden wie gewöhnlich Treitschke, Aietzsche und Bernhardi
nebst der alldeutschen Publizistik angesührt, obwohl Allen weiß und ausdrücklich
sagt, daß jene drei gar nicht zusammenpassen und das deutsche Denken
nicht beherrschen. Auch weiß und sagt er, daß große Massen, die Katholiken,
die Sozialdemokraten und die Liberalen, die alldeutsche Publizistik einer kleinen
Gruppe nicht billigen. Aber trotzdem verwendet er jene Zeugen völlig ungeniert
zur Darlegung der deutschen Mentalität und Kultur. Freilich zieht er das
dann gelegentlich wieder zurück: „This mental condition seems to have amounted
to what may roughly be described as a will to war, and may be regarded as
the real Cause of the war. But this mental state was not, of cause, à simple
thing, all of piece. It might even be argued that it did not really exist
at all“ 30. So kommt es zu der köstlichen Phrase, daß „Germany has meant
the war, party unconsciously, these twenty Fears"“ 58. Zum Schluß
werden Deutschland um seines Wertes für Europa willen möglichst milde Friedensbedingungen
in Aussicht gestellt unter der Bedingung, daß in ganz Eu-