Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechzehnter Jahrgang. 1900. (41)

120  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  1.  4.)

seinem  Vorschlag  die  Auslegung  geben  würde,  daß  es  nur  seine  eigenen
Truppen  aus  Peking  zurückziehen  will,  darin  aber  keine  Bedenken  erblickt,
wenn  die  Truppen  der  anderen  Mächte  in  Peking  bleiben.  Und  in  der
Tat  scheint  es,  daß  die  russische  Regierung,  wenn  sie  auch  ihre  eigenen
Truppen  nicht  in  Peking  lassen  will,  doch  nichts  dagegen  einzuwenden  haben
würde,  wenn  andere  Mächte  ihre  Truppen  dort  belassen.  Die  großen  Aufgaben,
  die  Rußland  in  der  Mandschurei  zu  lösen  hat,  machen  es  erklärlich,
daß  es  sehr  große  Truppenmassen  dort  gebraucht,  und  da  deren  Nachschiebung
vom  Mutterlande  her  viel  Zeit  erfordert,  so  würde  es  diesem  Übelstande
durch  Verwendung  der  Truppen  abhelfen  können,  die  jetzt  in  und  um  Peking
stehen.  Die  Truppen  der  anderen  Mächte  in  Peking  sind  aber  stark  genug,
um  nicht  nur  Peking  zu  halten,  sondern  auch  um  von  Peking  aus  einen
so  starken  weitreichenden  Einfluß  auszuüben,  daß  die  chinesische  Regierung,
wie  weit  sie  auch  geflüchtet  sei,  sich  ihm  nicht  wird  entziehen  können.  Wenn
wir  die  Lage  richtig  beurteilen,  so  handelt  es  sich  keineswegs  um  eine  Verschiedenheit
  der  angestrebten  Ziele  unter  den  Mächten,  sondern  nur  um  eine
Abweichung  über  die  zur  Erreichung  der  Ziele  einzuschlagenden  Mittel.
Bei  dem  guten  Willen,  den  man  bei  den  Mächten  und  zumal  auch  bei
Rußland  voraussetzen  kann,  ist  daher  zu  hoffen,  daß  eine  Einigung  möglich
sein  wird,  namentlich  wenn  Rußland,  seine  militärische  Aktion  auf  die
Mandschurei  beschränkend,  keine  Bedenken  dagegen  hegt,  daß  die  anderen
Mächte  ihre  militärische  Tätigkeit  in  Petschili  fortsetzen,  die  ja  keinen
anderen  Zweck  hat,  als  die  möglichst  rasche  und  unter  Berücksichtigung  aller
europäischen  Interessen  herbeizuführende  Wiederherstellung  der  Ordnung  in
China,  und  zu  dieser  Hoffnung  ist,  wie  gesagt,  aller  Grund  vorhanden.

1.  September.  Zwischen  Deutschland  und  der  Schweiz  tritt
ein  neuer  Postvertrag  in  Kraft.  Die  Briefe  dürfen  danach  20  anstatt,
  wie  nach  den  Vorschriften  des  Weltpostvereins,  15  Gramm
schwer  sein.

4.  September.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  schreibt
über  die  Entschädigung  für  die  Beschlagnahme  deutscher  Schiffe
durch  England  (vgl.  S.  12):

Nachdem  die  englische  Regierung  die  Verpflichtung  zum  Ersatz  des
durch  die  Beschlagnahme  deutscher  Schiffe  seinerzeit  angerichteten  Schadens
grundsätzlich  anerkannt  hatte,  trat  in  London  eine  aus  deutschen  und  englischen
  Mitgliedern  gebildete  Spezialkommission  zur  Prüfung  der  daraufhin
von  den  deutschen  Interessenten  erhobenen  Ansprüche,  wie  zur  Feststellung
der  für  die  einzelnen  Fälle  zu  gewährenden  Entschädigung  zusammen.
Deutsche  Mitglieder  der  Kommission  waren:  Eduard  Wörmann  von  der
Ostafrika-Linie,  Rechtsanwalt  Dr.  A.  Lieveking,  Hamburg;  englische  Mitglieder:
  Sir  Walter  Merton  vom  Board  of  Trade,  Smith,  Registrar  of
the  Admiralty,  und  Henderson  aus  Glasgow,  Chairman  der  Anchor-Linie.
Die  Kommission  schloß  vor  kurzem  ihre  umfangreichen  Arbeiten  ab  und
setzte  nach  Anerkennung  der  ihrer  Begutachtung  unterbreiteten  Forderungen
den  Betrag  der  zu  beanspruchenden  Entschädigungen  fest.  Diese  von  der
Kommission  einstimmig  gefaßten  Beschlüsse  haben  die  deutsche  und  die  englische
  Regierung  angenommen.  Von  der  Kommission  werden  zugesprochen:
erstens  der  deutschen  Ostafrika-Linie  als  Schadenersatz  für  die  Anhaltung
der  Reichspostdampfer  „Bundesrath",  „General“  und  „Herzog"  der  Betrag
von  20.000  Pfund  nebst  einem  Zusatzbetrag  von  5.000  Pfd.  St.  für  die
Schadloshalung  von  Landungsinteressenten.  Zweitens  für  die  Aufbringung