Full text : Deutsches Wörterbuch. Erster Band A-G. (1)

1151

Päpste  2,  108;  in  kurzer  abgebrochener  Höflichteitswendung
  gestatten  Sie!  (vgl.  dazu  unter  erlauden);  ungewöhnlich:
  doch  hätte,  wie  er  war,  an  anstand  und
Bestalt  don  Galoar  .  den  preis  ihm  ohne  kampf  gestattet
  (eingeräumt)  Wieland  Idr.  1,  13.

Gestehen,  verstärktes  steben,  ahd.  gistän,  mhd.  gegestehen

  —  Gestein.

stän,  gesten,  in  der  alten  Spr.  in  mannigfacher,  jetzt

in  sehr  eingeschränkter  Bed.;  1)  sinmlich,  stehen,  fest  stehen,
stehen  bleiden:  dag  ex  (ein  Kind)  niht  moht  gegen  noeb
gesitzen  noch  gesten  Lamprecht  Franzisk.  4450;  (dn
sollst)  keinen  da  hinwegk  lan  gehn,  bisz  er  vor  füll
nimm  mag  gestehn  Grobian.  4191;  von  Gliedmaßen:
dann  im  das  maul  nimmer  gestund  Wickram  Bilg.  50  ;
von  Dingen:  regenwazzer  venn  ez  in  ainer  Zistern
gestet  und  lauter  wirt  Megenberg  104;  die  tiefe  oben
gestehet  Hiob  38,  30;  von  Gerinnendem:  d0  gestuont
daz  öl  und  gieng  nums  Mst.  1,276;  gesteben.  gerinnen,
schlickeren  Henisch;  mein  schmalz  ..  veil  es  zuvor
gestehen  und  erkalten  muste  Simpl  4,  211;  die  milch
zgesteht  Steinbach,  und  noch  bei  Adelung  gestandene
milch.  das  fett  gesteht;  jetzt  abkommend;  —  in  mehr
unsinnlicher  Anwendung,  gestehen  —  bestehen:  dabei
kann  ich  nicht  gestehen  Abelung;  refl.  sich  gestehen,
sich  unterstehen:  er  gesteht  sich  nicht  herein  zu  kommen
Steinbach;  einem  gesteben,  Stand  halten;  in  freundlichem
  Sinne  —  beitreten,  beistehen:  wer  den  vigenden
gestät,  und  die  inren  hurger  lät  Boner  Edelst.  44,  49;
Jederman  sol  yhrer  deutung  gestchen  Luther  Postille
1528;  seine  mannschaft  ist  ibm  niebt  gestanden  (hat
sich  zu  seinem  Dienst  nicht  eingestellt)  Adelung;  in
seindlichem  Sinne:  er  will  mir  nicht  auf  den  degen
gestehn  Steinbach;  eines  dinges  gestchen,  dabei
bleiben,  einstehen  für  etwas:  wolt  ir  mir  des  gestehen
Spittendorsf  184.  Das  Part.  gestanden  von  fester
Gesinnung:  der  gestandene  muot  Trist.  9229;  und  gereiften
  Jahren:  eines  gestandnen  alters,  yetz  gäter  tuge
Maaler;  da  ein  zungling  einem  groszen  baufen  gestandener
  männer  forthellen  musz  Simpl.  4,  216;  in
allen  solchen  Anwendungen  jetzt  veraltet.  2)  gestehen
in  alter  Rechtsspr.  =  vor  Gerichte  erscheinen,  namentlich
  als  Beklagter:  wer  czu  dinge  geladin  ist  und  nicht
gesteit  Magdeb.  Blume  2,  3,  28;  woraus  sich  die  Bed.
bekennen,  einräumen  entwickelt  (vgl.  auch  zugestehen):
gestchen,  nicht  in  abred  sein,  nicht  laugnen  Henisch;
wiltu  das  gestehen  und  offentlich  für  gericht  bekennen?
Luther  von  Chesachen  1530;  wir  gestehen  ju  vicht.
das  sie  die  kirche  seien  Artifel  1538;  die  in  nenerer
Spr.  einzig  lebendig  gebliebene  Bed.:  es  ist  mein  eigner
vater,  ich  wills  nur  gestehen  Schiller  Ränb.  4,  5;  ebe
er  sich  eine  ubereilung  gestände  Kab.  5,  7;  gestehe
dasz  ich  glucklich  bin  Ring  des  Polykr.;  recensenten
..  gestehen  sich  bekebrt  Goethe  58,  171;  ihr  herrn
gesteht,  ich  weisz  zu  leben  Faust  1;  in  formelhaften
Wendungen:  oflen  gestanden;  die  wahrbeit  zu  gesteben,
ich  bin  mude;  gesetzt,  aber  nicht  gestanden  Simpl.
1,  147;  —  seltener  —  bewilligen:  man  mus  juen  auch
nicht  gestchn,  das  sie  viel  mit  den  mügden  scherzen
Colerus  1,  13;  das  wird  der  rath  nicht  gestchen
Steinbach;  besonders  wenn  keinem  glünbiger  ein
recht  an  dem  gute  gestanden  würde  Möser  Phant.
4,  265,  jetzt  nur  zugestehen.  3)  gestehen,  mit  Acc.  der
Person  =  zu  stehen  kommen,  kosten:  wie  tiwer  si  danne
gestet  dirre  werliliche  riehtuom  Hv  Mell  Erinn.  138;
er  foddert  ..  nieht  gros  opfer  noch  kbstliche  kleinot,
die  viel  gestchen  möchten  Luther  5,  4924;  was  ein
grosz  unglaublich  werk,  gestuend  und  kost  vil  Aventin
1,  848;  es  gestat  mich  wenig  Maalerz  später  untergegangen.
  ç

Gestein,  n.  Steinmenge,  Steinmasse  (mhd.  gcsteine
—  Edelsteine  und  Schmuck  davon,  pgl.  G•ielgseceio)  :
gesteine  #ap#scker  Steinbach;  des  Gebirges:  dasz  du
gegenwürtig  auf  dem  ültesten  gebirge,  auf  dem  fruhesten

Gestell  —  Gestöber.  1152

gestein  dieser  welt  sitzest  Goethe  Wanderj.  1,  3;  des
Pflasters:  wie  von  buntem  gcstein  schimmernd  das
estrich  sich  hebt  Schiller  Pompeji  21;  die  mhd.  Bed.
wieder  ernenert:  viel  köstliches  gestein  bracht  er  den
Hunnen  dar  Scheffel  Waltharilied  61.

Gestell,  n.  etwas  Zusammengestelltes,  stehend  Verbundenes,
  Vorrichtung  zum  Stellen,  mhd.  genmelle:  gestüle
  mit  ehernem  gestell  1.  Kön.  7,  30;  lam  Wagen)
kein  achse,  deistel,  gestell  Vorrede  zu  Hesekiel;  kusz-,
bett-,  kutschen-,  tischgestel!  Jacobsson;  des  königs
büd  auf  blumigem  gestelle  Heyfe  3,  146.  Bei  den
Riemern  heißt  gestell  das  Kopsstück  des  Pferdezamms:
bei  Fischern  die  ausgestellten  Reusen  oder  Netze;  bei
Salzwirkern  die  Einsassung  des  Brunnens  über  der  Erde.

Gestern,  den  Tag  vor  heute;  altes  indogerm.  Wort,
ursprünglich  mit  allgemeinerer  Bed.,  nur  den  andern
Tag  von  heute  ab  ausdrückend,  daher  sowohl  —  den
vorigen  Tag,  wie  das  urverwandte  sanskr.  bjas,  lat.
heri  (aus  hesi,  vgl.  besternus  gestrig),  griech,  chthés
(aus  eheés),  als  =  morgen,  wie  namentlich  im  goth.
zusammengesetzten  gistradagis,  ebenso  im  Ahd.,  wo
ẽgestern  neben  vorgestern  auch  übermorgen,  und  im
Altnord.  wo  ĩ-gær  sowohl  gestern  als  morgen  bezeichnet.
Das  deutsche  Wort  erscheint  als  ein  ursprüngliches,
adverbial  gewordnes  Subst.  (durch  ableitendes  #ter,  goth.
tra  von  dem  einsacheren,  den  urverwandten  Sprachen
entsprechenden  ges,  gis  weitergebildet),  entweder  in  der
Form  eines  Dativs  des  Singulars:  ahd.  kestre,  mhd.
gester,  auch  uhd.  bis  ins  17.  Ih.  so:  ich  bab  gester
die  spitz  abgebissen  Garg.  187;  er  hat  ..  gester  zu
viel  gesoffen  Simpl.  3,  295;  oder  eines  Dativs  Plur.,
ahd.  gesteron,  gesteren,  mhd.  gestern,  uhd.  gewöhnlich;
in  strengem  Sinne:  gestern  wars  an  mir,  heute  ists  an
dir  Sir.  38,  23;  gestern  umb  die  siebende  stunde  verlies
  jn  das  fieber  Joh.  4,  52;  als  ob  er  gestern  gestorben
wer  Garg.  91;  gestern  abend,  mittag,  morgen;  auch
gestern  abends  Adelung;  seit  gestern,  von  gestern
ab,  bis  gestern  wuszte  ich  nicbts,  u.  f.  w.;  ungefäbre
Bezeichnung  einer  kurzen  Vergangenheit:  wir  sind  von
gestern  her  und  wissen  nichts  Hiob  8,  9;  ieb  besorge
es  nicht  erst  seit  gestern  Lessing  Brief  1771;  ieh
weisz  es  noch  als  wärs  von  gestern  her  Wieland
Perv.  2,  54;  gestern  noch  auf  stolzen  rossen,  heute
durch  die  brust  geschossen,  morgen  in  das  küble  grab
WHauff  1,  35;  —  als  Subst.:  liegt  dir  gestern  klar
und  otfen  Goethe  zahme  Ten.  IV;  kaum  kann  ich  heut
des  gestern  mich  erinnern  Grillparzer  3,167;  indems
  ihn  (den  Geist)  an  ein  reiches  gestern  kettet
Geibel  3,  35.  —  gesternt,  s.  unter  gestirnt.

Gestirn,  u.  Sternbild  und  einzelner  Stern  von  besonderer
  Größe,  ahd.  gistirni,  mhd.  gestirne;  escktur  gestirn,
  gestirre,  gesterne  Dief.;  Orion  ist  das  helle
gestirne  gegen  mittag  Glosse  zu  Hiob  9,  9;  zwilling,  die
nu  ein  gestirn  am  himmel  heiszen  Glosse  zu  Ap.  Gesch.
28,  11;  beide  sonn  und  gestirn  Pf.  74,  16;  jedes  entlegene
  gestirne  Schiller  4,  47;  er  hat  ench  die  gestirne
  gesetzt  als  leiter  zu  land  und  see  Goethe
Div.  1,  3;  als  Bestimmer  des  Schicksals  (vgl.  stern):  es
war  ein  schicksal,  ein  ungluckliches  gestirn  Schiller
Jungsr.  3,3;  dem  grausamen  gestirn,  das  uns  verfolgt,
  zu  widerstehn  Turand.  4,  10.  —  gestirnt,  mit
Sternen  verseben  oder  besetzt,  ahd.  gistirnit,  mhd.  gestirnet:
  der  gestirnte  himmel;  gleich  wie  ein  seher
aufbliekt  zur  gestirnten  terne  Uhland  451;  übertragen:
  die  augen,  draus  .  sein  himmel  ihm  gestirnt
entgegen  lacht  Heyse  3,  150;  —  dafür  neuer  auch
gesternt,  der  gesternte  himmel.

Gestöber,  n.  das  Stöbern  und  staubartig  Niedersallendes;
  in  der  alten  Spr.  —  Staubaufwirbeln:
wachtin  ein  gestubere  Jeroschin  13962;  jetzt  wesentlich
  auf  den  Schnee  bezogen:  der  morgenwind  jagte
abwechselnd  leichte  gestober  an  den  bergen  und  durch