Bewegungen der Schwärmer. Der Bauernkrieg. 1525. 55 347 349. 253
Forderungen der Bauern, die sie in 12 Artikeln aufgestellt hatten, im
ganzen mäßig und gerecht, und selbst Luther riet Fürsten und Herren, sich
um des Friedens willen ein Billiges gefallen zu lassen. Aber bald, im Über-
mut des ersten Sieges, gingen sie weiter; die verwegensten unter ihren
Führern faßten wie einst die Reichsritter den Gedanken, das ganze Reich
umzugestalten. Einen Kaiser wollte man an der Spitze lassen, aber sonst
ürsten, Ritter, geistliche Herren, Burgen und Klöster abthun; das nannten
ie in ihrer Sprache das Evangelium handhaben.
§ 348. Bald folgten von den zügellos werdenden Massen unmenschliche
Grausamkeiten: den Grafen von Helfenstein, der zu Weinsberg saß, nahmen sie
gefangen und jagten ihn in die Speere; dann hausten sie in den Klöstern
und Schlössern Schwabens und Frankens mit Brand und Raub. Sie er-
oberten Heilbronn und wollten es zur Juupcstadt ihres neuen Reiches machen.
Die fränkischen Bauern zwangen einen Reichsritter, Götz von Berlichingen
mit der eisernen Hand, an ihre Spitze zu treten; aber auch dieser konnte
keine Ordnung Herstelen. Es drohte die fürchterlichste Umwälzung im Reich.
Da ermannten sich Fürsten und Städte, und der Truchseß von Waldburg,
der Feldhauptmann des schwäbischen Bundes, trieb die ungeübten Haufen
zuerst im Algau, dann im Hegau nach leichtem Kampf auseinander. Dann
schlug er den Neckarhaufen, während der stärkste, der fränkisch-odenwäldische,
von ihm in Verbindung mit den Kurfürsten von der Pfalz und Trier ver-
nichtet wurde. st noch unmenschlicher wie einst die Bauern selbst wütete
dann die Rache fürstlichen und geistlichen Sieger.
8 349. Um dieselbe Zeit fanden ähnliche Bewegungen in Thüringen
statt, nur daß sie hier mehr von einem einzigen, verwegenen Manne ausgingen
und geleitet wurden. Dies war Thomas Münzer, ein Gelehrter, der nach
abenteuerlichen Wandern ganz den Gedanken der Reformation sich hinge-
geben hatte, aber wie Karlstadt in die schwärmerisch wilden Ausartungen
derselben geraten war. Ihm war Luther zu unentschieden. Laut und frech
prebigte er gegen den „Dr. Lügner, gegen das geistlose, sanft lebende Peish
zu Wittenberg". Eine neue geistliche und weltliche Ordnung der Dinge
sollte anbrechen; alle Stände, alles Vermögen gleich werden; nur die prophe-
tische Erleuchtung fortan das Scepter führen. Mit solcher Predigt gewann
er die leichtbewegliche Menge; er setzte sich zuerst in Allstedt in Thüringen
fest, dann ging er nach vorübergehendem Aufenthalt in dem damals schon
von der Bewegung der Bauern aufgewühlten Süddeutschland nach Mühl-
hauf en (§ 255), wo inzwischen die niederen Bürgerklassen die Macht des
ates gebrochen und eine seinen Zielen günstige Verfassungsänderung durch-
geführt hatten. Hier begann er nun sein himmlisches Terusalem auf Erden
außzurichten. Zwischen Harz und Thüringer Wald fielen ihm die Bauern
zu. Die Ruinen verbrannter Klöster am Fuß beider Gebirge (Paulinzelle,
Walkenried) bezeichnen die Ausdehnung der damaligen Verwüstung. Aber
nun traten ihm ohne Unterschied ihrer religiösen Ansichten die Fürsten ent-
egen. Johann von Sachsen, seit wenig Tagen Kurfürst (§ 351), und
8 ilipp von Hessen, beide der Reformation zugethan, Heinrich von
Braunschweig und Georg von Sachsen, beide ebenso bittere Feinde der-
selben, führten reisiges Volk gegen Münzers Bauern. Umsonst entflammte
Münzer, der Mann „mit dem Schwert Gideonis“, in wildbegeisterter Rede
auf den Regenbogen weisend, der eben am Himmel stand, die Gemüter der
Seinen, die bei Frankenhausen eine Wagenburg geschlagen hatten. Leicht
trieben die Fü den Heerhaufen auseinander; Münzer selbst, auf der