82 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Juni 6./8.)
bis drei Schiffe bauen. Abg. Graf Stolberg-Wernigerode (konf.)
für die Vorlage, wünscht aber erhöhten Zollschutz für die Landwirtschaft.
Abg. Gröber (Z.) hält dem Abg. Bebel entgegen, daß er am 10. Februar
dem Abg. Schädler Bereitwilligkeit die Flottenvorlage zu bewilligen, vorgeworfen
habe. Das Zentrum habe die Vorlage bewilligt, weil die Regierung
Abstriche angenommen habe und die Frage des Etatsrechts jetzt
für den Reichstag günstiger als im Gesetz von 1898 gelöst sei. Es ist
weder ein Anfangstermin für die erforderlichen Neubauten, noch ein Endtermin
für das neu zu bewilligende Geschwader bestimmt. Wir haben es
vollständig in der Hand, nach Lage unserer Finanzverhältnisse in jedem
Jahre die Höhe der Ausgaben für Schiffsneubauten zu beschließen, wie
wir es für gut finden; eine gesetzliche Bindung nach dieser Richtung gibt
es nicht. Endlich, meine Herren, und das ist für uns im Zentrum die
allerwichtigste Frage gegenüber dem geltenden Flottengesetz: in dem geltenden
Flottengesetz ist bezüglich der Deckungsfrage nur eine negative Entscheidung
getroffen; es soll die Deckung erforderlichenfalls nicht durch
Steuern gesucht werden, welche den Massenverbrauch belasten. Jetzt wird
eine positive Lösung angestrebt, und sie wird — das kann man voraussetzen
— auch gefunden werden in den beiden Steuergesetzen, die dem hohen
Hause zur Annahme vorliegen. Es wird auf dem Wege dieser beiden
Steuergesetze der Massenverbrauch nicht belastet; es werden damit nur
Teile des deutschen Volkes betroffen, die leistungsfähig find. Es wird also
hier das Programm ausgeführt, das wir von Anfang an gesetzlich festzulegen
gewünscht haben, und dieses Programm wird nicht in einem bloßen
Grundsatz, in einem allgemeinen, finanztechnisch nicht unmittelbar ausführbaren
Satze festgelegt, sondern es werden spezielle Steuervorschriften in
dieser Beziehung gegeben. Das ist ein ungeheuer großer Fortschritt gegenüber
dem Gesetz von 1898.
Abg. Richter (fr. Vp.): Es ist charakteristisch für dieses Gesetz, daß
es als Gesetz nicht zur Verstärkung der Wehrkraft des Inlandes gegen das
Ausland dient, sondern zur Verstärkung der Machtbefugnisse der Regierung
gegenüber dem Reichstage. Die Blockadegefahr in einem Kriege existiere
nicht, die Zollpolitik der Regierung erstrebe sogar eine Blockade aller
deutscher Grenzen im Frieden an. Abg. Rickert (fr. Vg.) tadelt die
innere und die Wirtschaftspolitik der Regierung, erklärt sich aber für die
Vorlage, um den Frieden und den Handel zu schützen.
In namentlicher Abstimmung wird § 1 der Vorlage angenommen
mit 153 gegen 79 Stimmen. Gegen § 1 stimmen die Sozialdemokraten,
die deutsche und die freisinnige Volkspartei, die Elsässer, die Bauernbündler
und vereinzelte bayerische und oberschlesische Zentrumsmitglieder.
Die Polen und Welfen beteiligen sich größtenteils an der Abstimmung
nicht.
Am folgenden Tage wird die Deckungsfrage debattiert. Abg. von
Siemens (fr. Vg.) wendet sich gegen die Besteuerung der Börse. Durch
die Schwächung der Börse werde zugleich die politische Leistungsfähigkeit
des Landes vermindert. Abg. Bebel (Soz.) wendet sich gegen die vorgeschlagenen
Steuern, weil sie die schwachen Schultern träfen. Abg. Gröber
(Z.) bedauert, daß die Reichserbschaftssteuer nicht zu stande gekommen ist.
— Der Rest des Gesetzes wird mit großer Mehrheit angenommen, ebenso
die vorgeschlagenen Resolutionen.
6.|8. Juni. (Karlsruhe.) Tagung des evangelisch-sozialen
Kongresses. Der Kongreß wird von der badischen Regierung warm
begrüßt.