Full text : Politische Geschichte der Gegenwart. V Das Jahr 1871. (5)

132  Blankenburg,  Barth,  Miquel,  Frankenberg,  Stauffenberg.

Augenblick,  wo  Sie  den  Streit  über  die  Unfehlbarkeit  in  Ihrer
eigenen  Kirche  haben.“  v.  Blanckenburg  sagte,  daß  er  und  seine
Partei  weit  davon  entfernt  sei,  der  katholischen  Kirche  irgendwie  zu
nahe  zu  treten.  „Wir  sind  vielmehr  sehr  erfreut,  wenn  Sie  mit
uns  das  neue  Gebäude  ausbauen,  und  Sie  haben  ja  ein  im  christlich
  germanischen  Stil  sehr  bewandertes  Mitglied  unter  sich.  Wir
werden  Ihnen  aber  gegenübertreten  in  demselben  Augenblick,  wo
Sie  anfangen  sollten,  auf  die  christlich-germanischen  Pfeiler  römische
Kapitäle  zu  setzen.“  Barth  fragte,  wie  sie  denn  die  Preßfreiheit
in  ihren  Antrag  aufnehmen  könnten,  da  ja  die  päpstlichen  Allokutionen
und  Encyclicen  die  Presse  als  ein  Teufelswerk  bezeichnen,  und  wie
sie  von  „Gerechtigkeit  gegen  alle  Konfessionen“  sprechen  könnten
Angesichts  der  in  allen  Kirchen  jährlich  verlesenen  Bulle  über  die
Verfluchung  der  Ketzer.  Miquel  erinnerte  die  Klerikalen,  daß  ihre
Partei  das  Mißtrauen,  welches  gegen  sie  vorhanden  sei,  selbst  hervorgerufen
  habe.  „Das  Deutschland  von  heute  ist  gegen  Ihren
Willen  zu  Stande  gekommen;  Sie  haben  sich  dagegen  gewehrt,  Sie
sind  heute  die  Geschlagenen.  Ihre  Partei  hat  noch  beim  Beginn
des  Krieges  den  Verrath  an  der  deutschen  Sache  offen  gepredigt,"
eine  Anklage,  die  er  durch  Vorlesung  einiger  Artikel  aus  süddeutschen
katholischen  Zeitungen  begründete.  Der  katholische  Graf  v.  Frankenberg
  machte  sie  auf  das  Bedenkliche  ihrer  Stellung  gegenüber  den
großen  Parteien  im  Reichstag  und  der  Reichsregierung  selbst  und
auf  die  Oualität  ihrer  einzigen  Bundesgenossen,  der  Polen  und
Socialdemokraten,  aufmerksam.  Stauffenberg  sagte,  mit  den
beantragten  Sätzen  sei  der  konfessionelle  Friede  nicht  aus  der  Welt
geschafft,  sondern  erst  hineingebracht,  namentlich  in  einigen  Staaten,
in  denen  bisher  Friede  geherrscht  habe.  So  wurde  von  allen  Seiten
ein  koncentrisches  Feuer  auf  die  wie  in  einer  belagerten  Festung  befindlichen
  Klerikalen  gerichtet,  und  als  es  nach  dreitägiger  Debatte
am  4.  April  zur  Abstimmung  kam,  so  wurde  der  Reichenspergersche
  Antrag  mit  223  gegen  54  Stimmen  verworfen.  Auch  der  Antrag
  Sonnemanns  (zu  Artikel  32),  daß  die  Mitglieder  des  Reichstags
  Diäten  und  Reisekosten-Entschädigung  beziehen  sollten,  wurde
abgelehnt,  von  einigen  Mitgliedern  mit  der  ausdrücklichen  Bemerkung,
daß  er,  als  ein  Vermächtniß  Waldeck's,  in  dieser  Session  wieder  gestellt
  werden  würde.  Derselbe  wurde  auch  von  Schulze  wieder  aufgenommen
  und  kam  am  20.  April  zur  ersten,  am  25.  zur  dritten