Full text : Wörterbuch des Deutschen Staats- und Verwaltungsrechts. Dritter Band. O bis Z. (3)

Betrachtungen  über  die  Kriegführung  1918.  211

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Piave  und  hatte  sich  im  Gebirge  stark  gemacht.  Ein  Angriff  aus
Tirol  traf  nicht  mehr  auf  schwache  Kräfte  und  führte  nicht  mehr  in
den  Rücken  des  feindlichen  Heeres,  sondern  hatte  starken  Widerstand
  in  einem  besonders  schwierigen  Gebirgsteil  zu  überwinden
und  traf  nur  noch  die  Flanke  der  feindlichen  Piave-Front.  Gewiß
wäre  auch  hier  ein  großer  Erfolg  zu  erringen  gewesen,  wenn  der
Angriff  glückte.

General  Krauß  redet  einer  Umfassung  zu  beiden  Seiten  des
Gardasees  das  Wort.  Ich  kann  sie  aber  nicht  für  so  einfach  ansehen,
als  General  Krauß  es  tut.  Die  Entfaltung  starker  Kräfte  war
sehr  erschwert.  Ständige  Befestigungen  und  ein  schwieriger  Gebirgsteil
  waren  zu  überwinden,  was  kaum  in  wenigen  Stunden
geglückt  wäre.  Auch  Verona  war  Festung.  Diese  ganze  Umfassung
konnte  nur  zu  leicht  selbst  durch  Kräfte  umfaßt  werden,  die  bei  Mailand
  und  östlich  versammelt  waren  oder  von  Frankreich  her  dort
ausgeladen  wurden.

Ich  möchte  ganz  im  allgemeinen  davor  warnen,  Siege  beweisen
zu  wollen,  deren  Erringung  sich  nicht  einwandfrei  aus  den  Ereignissen
  herleiten  läßt.  Bei  willkürlichen  Annahmen  kann  man  schließlich
  alles  begründen,  was  in  die  Kunst  des  Gedankenganges  hineinpaßt.
  Gesetzt  den  Fall,  wir  hätten  bei  den  Schneeverhältnissen  im
Gebirge  im  Mai  gesiegt,  die  italienische  Armee  wäre  in  unserer  Stoßrichtung
  nach  Süden  über  den  Po  bis  in  die  Apenninen  ausgewichen
und  wir  hätten  in  Italien  Gelände  gewonnen,  so  wären  deutsche
Truppen  in  ansehnlicher  Stärke  —  was  nun  einmal  die  Voraussetzung
  zu  einem  solchen  Siege  ist  —  dort  festgelegt  gewesen;  die
k.  u.  k.  Armee  konnte  dort  nicht  allein  gelassen  werden.  Amerikanische
  Verstärkungen  oder  Ententedivisionen  wären  nach  Jtalien
geschickt  worden,  um  in  der  Linie  Genua—Mailand  oder  östlich  versammelt
  zu  werden  und  schon  durch  ihre  Anwesenheit  dem  deutschösterreichisch-ungarischen
  Heere  Halt  zu  gebieten,  das  auch  seine  rückwärtigen
  Verbindungen  ordnen  mußte.  Wollten  Deutschland  und
Ssterreich-Ungarn  den  Krieg  in  Italien  fortsetzen,  so  hätten  sie
weitere  Kräfte  nachziehen  müssen.  Je  mehr  Kräfte  der  Feind  dorthin
  fuhr,  um  so  stärker  mußten  sie  sich  machen.  Es  wäre  wohl  der

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