Progromm des Kongresses. 319
auf Theilnahme an den Angelegenheiten der Kirche erfüllen werde.
4. Wir halten bei der Heranbildung des Klerus die Pfflege der
Wissenschaft für unentbehrlich und wünschen die Mitwirkung der
weltlichen Obrigkeit zur Heranbildung eines sittlich-frommen, wissenschaftlich
erleuchteten und patriotisch gesinnten Klerus. Wir verlangen
für den niederen Klerus eine würdige, gegen hierarchische
Willkür geschützte Stellung und verwerfen die durch das französische
Recht eingeführte willkürliche Versetzbarkeit der Seelsorgsgeistlichen.
5. Wir halten zu den die bürgerliche Freiheit und humanitäre
Kultur verbürgenden Verfassungen unserer Länder und erklären
unseren Regierungen im Kampf gegen den im Syllabus dogmatisirten
Ultramontanismus treu und fest zur Seite zu stehen.
6. Da offenkundig durch die Jesuiten die gegenwärtige unheilvolle
Zerrüttung in der katholischen Kirche verschuldet worden ist; da
dieser Orden seine Machtstellung mißbraucht, um in Hierarchie,
Klerus und Volk kulturfeindliche, staatsgefährliche und antinationale
Tendenzen zu verbreiten und zu nähren; da er eine falsche, korrumpirende
Moral lehrt und geltend macht, so sprechen wir die Ueberzeugung
aus, daß Friede, Gedeihen und Eintracht in der Kirche
und ein richtiges Verhältniß zwischen ihr und der bürgerlichen
Gesellschaft erst dann möglich sind, wenn der gemeinschädlichen
Wirksamkeit dieses Ordens ein Ende gemacht wird. 7. Als Glieder
der katholischen, durch die vatikanischen Dekrete noch nicht alterirten
Kirche, welcher die Staaten politische Anerkennung und öffentlichen
Schutz garantirt haben, halten wir auch unsere Ansprüche auf alle
realen Güter und Besitztitel der Kirche aufrecht.“ Wichtig waren
noch die beiden Anträge auf Durchführung eines altkatholischen
Vereinswesens und Bildung altkatholischer Gemeinden mit regelmäßiger
Seelsorge, wobei die Unterstützung und Mitwirkung des
Staates vorausgesetzt wurde. Beide Anträge, welche einestheils die
Erhaltung und Verbreitung der altkatholischen Bewegung bezweckten,
anderntheils einem drängenden Nothstand abhelfen sollten,
wurden fast einstimmig angenommen. Die Aufgabe des Delegirtenkongresses
war damit gelöst. Die öffentlichen Versammlungen, an
denen gegen 5000 Personen theilnahmen, fanden am 23. und
24. September im Glaspalast statt. Daselbst wurden Vorträge
gehalten von den Professoren Huber und Windscheid, von dem
Pater Hyazinth, von Prof. Munzinger aus Bern, Prof. Schulte