Entschluß zu Waffenruhe und Verhandlung. 637
gekommen. Am 19. Juli abends ließ der Kronprinz durch seinen Adjutanten
kelegraphisch an Bismarck mitteilen, daß er am nächsten Tage nach Nikolsburg
zu kommen gedenke, und anfragen, zu welcher geit es passe? Bismarck erhielt
dies Telegramm am 2o. Juli früh, und antwortete 8 Uhr morgens telegraphisch,
daß er zu jeder Stunde zu des Kronprinzen Disposition stehe.:
Hiermit sind die positiven Angaben erschöpft, die sich über die Ereignisse
des 20. Juli in unseren Quellen finden. Um was kann es sich danach bei
den Auseinandersetzungen dieses Tages gehandelt haben?
Daß man auf Grund des französischen Programms Waffenstillskand und
eventuell Separatfrieden mit Österreich schließen wolle, war bereits an den
beiden vorigen Tagen prinzipiell festgestellt worden. Jedoch waren zwei Bedingungen
von preußischer Seite gestellt worden: Die Zustimmung Hsterreichs und
die Beteiligung Italiens. Die erste dieser Bedingungen konnte jetzt als erfüllt
betrachtet werden, da Benedektti die Bereitwilligkeit Ssterreichs zur Annahme
erklärt hatte, und da man vermutlich auch bereits eine offizielle Nachricht
über den entsprechenden Beschluß des österreichischen Miniskerrats vom 19. Juli
in Händen hatte. Oaß Österreich die Integrität Sachsens zur Bedingung
des Friedens machen wollte, war zwar höchst unerfreulich, konnte aber keinen
Anlaß bieten, den Beginn der Stillskandsverhandlungen abzulehnen, da ja
die Territorialveränderungen nicht in dem französischen Programm enthalten
waren, dessen Annahme durch OÖsterreich von preußischer Seite für
genügend zum Beginn eines Waffenstillstands erklärt worden war. Wollte
man also, weil bei Aufrechterhaltung dieser Forderung Österreichs das Justandekommen
eines Friedens sehr unsicher und daher auch der Waffenstillstand
als nutzlos, ja vielleicht schädlich erschien, den Beginn der Verhandlungen
hintertreiben, ohne die Napoleon gegebene Zusage zu verletzen, so
blieb die einzige Möglichkeit, sich an die zweite Bedingung zu halten, die
bisher allerdings nicht erfüllt worden war, die Zustimmung Italiens. Der
italienische Gesandte Graf Barral erklärte wiederholt, daß er nicht bevollmächtigt
sei, die Zustimmung seiner Regierung zu einem Waffenstillstand
auszusprechen, und die Telegramme Usedoms aus Florenz ließen deutlich
erkennen, daß Italien den Stillstkand ablehnen werde, wenn Preußen es
nicht durch Anwendung des ftärksten Druckes zur Annahme zwinge.
Bei dieser Lage der Dinge war die Möglichkeit vorhanden, den Beginn
der Verhandlungen mit ÖHsterreich, die nach Benedettis Forderung jetzt sofort
stattfinden sollten, so lange zu verzögern, bis die Zustimmung Italiens erfolgt
1 S. hierüber Busch 434f.
: Die Angabe des Generals von Blumenthal, daß Bismarck den Kronprinzen um sein
Kommen ersucht habe, gibt also kein ganz richtiges Bild.
7 Uber die Beziehungen zu Italien s. Abschnitt VII.