Full text : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

266  Drittes  Buch.  III:  Eroberung  Mailands.

Der  Grimm  der  drei  deutschen  Fürsten  aber,  die  den  Mailändern  ihr  Wort
für  das  freie  Geleit  der  Konsuln  verpfändet  hatten,  gegen  Reinald  war
grenzenlos.  Denn  es  konnte  kein  Zweifel  darüber  sein,  daß  dieser,  der  Feind
jedes  Friedens,  der  ja  immer  seinen  Einfluß  mindern  mußt,  den  Cölnem
jene  unerhörte  Treulosigkeit  anbefohlen  hatte").  Deshalb  wollten  die  Fürsten
ihm  das  Leben  nehmen;  nur  mit  Mühe  hielt  der  Kaiser  sie  von  dieser  Gewalttat
  zurück,  aber  ihren  Zorn  gegen  den  Erzkanzler  vermochte  er  nicht
völlig  zu  dämpfen.

Jetzt  mußte  vor  allem  den  bedrängten  Cölnern  geholfen  werden.  Der
Kaiser  befahl  also  verschiedenen  Fürsten,  die  Mailänder  in  der  rechten  und
linken  Flanke  zu  fassen,  während  er  selbst  mit  einer  Schar  gegen  ihre  Front
bei  Cassino  Grancie  sprengte.  Durch  diesen  kombinierten  Angriff  gerieten
die  Bürger  um  so  eher  ins  Schwanken,  als  die  Rektoren  der  Stadt  ihre
Hauptmacht  innerhalb  der  Mauern  hielten,  um  nicht  das  ganze  Schicksal
Mailands  auf  einen  Wurf  zu  setzen.  So  wandten  sich  die  kämpfenden  Mailänder
  bald  zur  Flucht,  die  sie  nur  unter  großen  Verlusten  bewerkstelligen
konnten:  allein  340  Mann  wurden  gefangen  genommen.  Obwohl  dem
Kaiser  bei  dem  Arcus  Romanus"“s)  das  Pferd  erschlagen  wurde,  verfolgte
er  doch  die  Feinde  bis  an  die  Mauern  der  Stadt“).

Nach  dieser  großen  Niederlage  wagten  die  Mailänder  ihre  Wälle  nicht  mehr
zu  überschreiten.  Anderseits  beschloß  der  Kaiser,  mit  Vermeidung  unnützen
Blutvergießens  die  Stadt  nur  durch  Aushungern  zur  Ergebung  zu  zwingen.
Ruhig  und  systematisch  ging  er  dabei  zu  Wege.  Zuerst  verwüstete  er  die  ganze
Umgegendf),  dann  nahm  er  vortrefflich  für  seinen  Zweck  gewählte  Winterquartiere.


Von  Westen  aus  konnten  die  Mailänder  keine  Zufuhr  beziehen,  da  das
ganze  Gebiet  jenseits  des  Tessin  jetzt  unter  der  Herrschaft  kaiserlich  gesinnter
Städte,  Pavia  und  Novara,  stand.  Die  Landschaften  nördlich  von  Mailand
—  um  Varese,  Como  und  Vimercato  —  befanden  sich  in  den  Händen  des
Grafen  Gunzelin.  So  konnten  die  Mailänder  nur  noch  von  zwei  Seiten  her
Hilfe  und  Lebensmittel  erwarten,  einmal  von  Osten,  namentlich  aus  Brescia,
dann  von  Süden,  vorzüglich  aus  Piacenza.  Es  war  also  die  Aufgabe  des
Kaisers,  die  Verbindungen  zwischen  diesen  Gegenden  und  Mailand  abzuschneiden.
  An  Truppen  konnte  es  ihm  dabei  nicht  fehlen,  da  sein  Heer  angeblich
  an  100  000  Mann  betrugsst).

 

*)  Otto  Morena  stellt  zwar  den  Kanzler  als  völlig  unschuldig  an  dem  Vorfalle  hin;
aber  gewiß  mit  Unrecht.  Denn  es  ist  nicht  zu  denken,  daß  nicht  jene  drei  Fürsten  alle
kaiserlichen  Truppen,  vorzüglich  aber  die  Vortruppen,  von  dem  den
mailändischen  Konsuln  bewilligten  freien  Geleit  benachrichtigt  hätten.  Das  Verfahren
der  Cölner  kann  also  nur  durch  einen  Befehl  ihres  Erzbischofs  veranlaßt  sein.

*#)  Eswardieses  der  schon  bei  der  ersten  Belagerung  von  Mailand  erwähnte  Turm.  S.  213.
*)  Diese  Schlacht  wird  ziemlich  übereinstimmend  erzählt  von  Otto  Mor.,  Gesta  Frid.
in  Lomb.  a.  a.  O.,  Burchardi  Ursp.,  p.  353.

#)  Am  1.  September  war  der  Kaiser  zu  Landriano;  Ugbelli,  It.  sacra  V,  p.  179  fl.
f)  Otto  Sanblas.,  c.  16.