Metadata : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Bizelin.  71

riefen  vorzüglich  Holländer  herbei,  die  sie  durch  zahlreiche  Rechte  und  Privilegien
  anlockten:  die  Kolonisten  durften  nur  von  ihren  Genossen  nach  heimischer
  Satzung  gerichtet  werden,  waren  auch  von  den  meisten  Abgaben  und
Steuern  befreit.  So  kultivierten  sie  —  besonders  auf  Sümpfen  und  Mooren
—  die  untere  Wesel  und  Elbe:  das  bremische  Vieland  und  die  hamburgischen
Vierlande,  die  Gegenden  von  Stade  und  Harburg,  die  Lande  Kehdingen
und  Hadeln  und  weiter  über  die  Luhe  bis  Artlenburg.  Teils  übergab  der
Erzbischof  das  Siedlungsgeschäft  niederländischen  Unternehmern,  die  dann
die  Bauern  herbeischafften,  teils  unterzog  er  sich  selbst  dieser  Tätigkeit.  Alles
dies  wurde  vorbildlich  für  die  weitere  Kolonisation  im  Wendenlande").
Keiner  unter  den  Heidenbekehrern  war  tätiger  und  erfolgreicher  als  Vizelin,
der  nachmalige  Bischof  von  Oldenburg-Lübeck.  Das  Leben  dieses  bedeutenden
  Mannes,  der  durch  Mut,  Frömmiggkeit,  Geschicklichkeit  und  Ausdauer
mehr  durch  das  Wort  zur  Ausbreitung  des  Christentums  und  des  Deutschtums
  getan  hat,  als  viele  Fürsten  durch  das  Schwert,  verdient  wohl  eingehende
  Schilderung““).  Vizelin  war  in  Hameln  an  der  Weser  von  (um  1090)
armen  Eltern  geboren,  deren  frühes  Hinscheiden  ihn  beinahe  ohne  alle
Pflege  und  Erziehung  ließ.  So  wuchs  er  aufs,  ohne  gerade  viel  zu  erlernen.
Die  verwitwete  Gräfin  von  Eberstein  nahm  ihn  in  ihr  Schloß  auf,  wo  sie  ihn
so  begünstigte,  daß  der  Schloßkaplan  darob  in  bitterer  Eifersucht  gegen  den
Armen  entbrannte.  Dieser  Umstand  sollte  sein  Glück  werden.  Als  ihn  der
Kaplan  einst  wegen  seiner  Unwissenheit  verhöhnte,  brach  der  Jüngling  in
reichliche  Trämen  aus,  eilte  sofort  aus  dem  Schlosse  und  begab  sich  nach
Paderborn  auf  die  Schule  des  Magister  Hartmann,  dessen  Lieblingsschüler
er  bald  wurde.  Von  Paderborn  wurde  er  dann  als  Dirigent  der  erzbischöflichen
  Schule  nach  Bremen  berufen,  wo  er  sich  durch  Frömmigkeit  und  Ge- 



6%/)  Rich.  Schröder,  Die  niederländischen  Kolonien  zur  Zeit  des  Mittelalters
(Berlin  1880).
*“)Bis  in  die  geringsten  Einzelheiten  ausgeführt  bei  Helm.,  Chr.  Slav.,  I,  42  ff.—  Helmold
  ist  von  Schirren  (Beiträge  zur  Kritik  älterer  holsteinischer  Geschichtsquellen,
1876)  einer  „vernichtenden“  Kritik  unterzogen  worden.  Diese  ward  aber  widerlegt
von  Wig  1  er  in  den  Mecklenburg.  Jahrbüchern,  Bd.  42  (1877);  von  Hermann
v.  Bres  ka  in  den  Untersuchungen  über  Helmold  (Götting.,  Diss.  v.  1880);  von
Schmeider  im  Vorwort  zu  Piner  Helmold-Ausgabej  von  Fritz  Curschmann,
Die  Entstehung  des  Bistums  Oldenburg  (Histor.  Vierteljahrsschr.,  1911,  S.  182  ff.)
und  besonders  von  Wilh.  Ohnesorge,  Neue  Helmoldstudien  (Zeitschr.  d.  Ver.
hamburg.  Gesch.,  XV  (Hamb.  1911),  S.  90  ff.).  Helmold,  geb.  ca.  1175,  kein  Holste,
ondern  ein  Westfale  aus  der  Wesergegend,  dessen  bäuerliche  Eltern  als  Kolonisten  mit
ihm  in  die  Gegend  von  Segeberg  gezogen,  war  ein  wohlwollender  Schriftsteller,  der
jedem  gerecht  zu  werden  sachte  durchaus  wahrheitsliebend,  freilich  ohne  Verständnis
ür  Charaktere  und  historische  Zusammenhänge.  Seine  klerikale  und  rhetorische  Bilung
  ließ  ihn  leicht  zu  übertriebenen,  bombastischen  Ausdrücken  greifen,  wie  die
meisten  Schriftsteller  Meiner  Zeit.  Doch  spricht  er,  trotz  seiner  abhängigen  Stellung,
freimütig  über  seine  geistlichen  und  weltlichen  Obern,  ja  sogar  über  die  Kirche.  Der
Held  seiner  Geschichtsschreibung  war  nicht  Heinrich  der  Löwe,  sondern  sein  Landsmann,
  Graf  Adolf  II.  von  Sckavenbur  dessen  Schwächen  er  wohl  auch  schildert,
aber  doch  in  beschönigender  Weise.  Er  stand  im  engsten  Vertrauensverhältnis  zu
biesem  Fürsten.