Full text : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Die  Kreuzzugspredigt.  89

lästerlichen  Juden,  weit  schlimmer  als  die  Sarazenen,  in  unserer  Mitte  ungestraft
  Christentum  und  die  Sakramente  schmähen  dürfen")?“  Doch  brach
die  Hauptverfolgung  gegen  die  Juden  nicht  in  Frankreich,  sondern  in  Deutschland,
  am  Rhem,  aus,  wo  ein  französischer  Mönch  Rudolf  gegen  sie  predigte.
In  Cöln,  Trier,  Mainz,  Bacharach,  Speyer,  Straßburg,  Würzburg,  endlich
auch  in  den  an  Deutschland  grenzenden  Teilen  Frankreichs  forderte  der
Glaubenshaß  unzählige  Opfer“").  Nach  dem  östlichen  Deutschland  —  Bayern
und  Sachsen  —  scheint  sich  die  Verfolgung  dieses  Mal  nicht  verbreitet  zu
haben;  doch  wohnten  hier  nur  wenige  Juden.  König  Konrad,  der  sich  der  unglücklichen
  Juden  annahm  undihnen  inseinen  Festen  Freistätten  gewährte“),
richtete  wenig  aus;  kräftiger  waren  die  menschenfreundlichen  Bemühungen
des  heiligen  Bernhard,  der  selbst  nach  Deutschland  kam,  unter  persönlicher
Gefahr  das  Volk  beruhigte  und  den  Mönch  Rudolf  mit  strengen  Worten  in
sein  Kloster  verwiest).

Noch  ein  anderes  Ziel  hatte  den  begeisterten  Abt  nach  Deutschland  geführt
—  freilich  schien  bei  dem  so  zerrütteten  Zustande  des  Reiches  nicht  die  geringste
Aussicht  auf  einen  Erfolg  vorhanden:  —  er  wollte  den  König  selbst  zur  Teilnahme
  an  dem  Kreuzzug  bewegen.  Man  kann  es  wahrlich  dem  arg  bedrängten
Fürsten  nicht  zum  Übeln  anrechnen,  daß  er  anfangs  jeden  Gedanken  an
seinen  Mitzug  energisch  von  sich  wiesff).  Aber  was  die  weltliche  Klugheit
verwars,  setzte  die  religiöse  Begeisterung,  die  sich  allmählich  auch  Konrads
kalter  Seele  bemächtigte,  am  Ende  durch.  Auf  dem  großen  Reichstage  zu  Ende  Dez.
Speyer  nahmen,  durch  die  Vorstellungen  des  heiligen  Bernhard  bewogen,  (1135)
der  König  —  der  ja  jenem  vorzüglich  die  Aussöhnung  mit  Kaiser  Lothar
verdankteftt)  —  und  viele  Fürsten  und  Vornehme  das  Kreuzs).  Sofort
veränderten  sich  alle  deutschen  Verhältnisse  wie  mit  einem  Schlage.  Die  1142
religiöse  Begeisterung  wirkte  Gewaltiges,  selbst  bei  den  Rohesten  und  Gemalttätigsten.
  Sämtliche  Fehden  hörten  auf;  die  Räuber,  die  noch  vor
kurzem  ganz  West=  und  Süddeutschland  unsicher  gemacht  hatten,  strömten
in  Menge  herbei,  um  sich  in  dem  heiligen  Kriege  Vergebung  ihrer  unzähligen
Sünden  zu  verdienen.  Als  der  heilige  Bernhard  nach  Bayern  kam,  nahmen  Februar
hier  Herzog  Heinrich  Jasomirgott  mit  fast  dem  gesamten  geistlichen  und  weltlichen
  Adel,  Herzog  Wladislaw  von  Böhmen  nebst  seinem  Oheim  Spitignew
sowie  vielen  böhmischen  Edlen,  Markgraf  Ottokar  von  Steier  und  unzählige
andere  das  Kreuzös).  Die  unwiderstehliche  seelische  Bewegung  riß  eben  alles

%%)  Bouquet,  Recueil  des  historiens  des  Gaules  et  de  la  France,  XIV,  p.  642.
*%)  Graetz,  Geschichte  der  Juden,  VI,  S.  178—182.
5%  Otto  Fris.,  Gesta  Fr.  I.  imp.
4)  Otto  Fris.  id#s.  I.  39,  40:  Populo  graviter  indignante  et,  nisi  ipsius  sanotitatis
r*  revocaretur,  etiam  seditionem  movere  volente  oto.
u  Frankfurt,  Ende  November.  Jaffé,  Konr.  III.,  S.  111  f.;  Marteme  et  Durand,
—  —
t)RMRaumer,  Hohenstaufen,  I.,  S.  3
)  Krit.  Erört  E#
K)  Otto  Fris.  G.  F.i.  I,  4.