Full text : Dokumente aus den russischen Geheimarchiven.

—  1383  —

Geheimtelegramm  des  Gesandtenin  Bukarest.
18.  April/1.  Mai  1915.  Nr.  251.
Streng  vertranlieh.

Bratianu  war  heute  persönlich  bei  mir  und  teilte  folgendes  mit:  Seit
Beginn  des  europäischen  Krieges  sei  er  fest  entschlossen  gewesen,  nicht  nur  die
Waffen  gegen  den  Dreiverband  nicht  zu  erheben,  sondern  sich  im  Gegenteil  mit
allen  der  rumänischen  Diplomatie  zugänglichen  Mitteln  zu  bemühen,  eine  solche
Lage  zu  schaffen,  (die  das  aktive  Eingreifen  Rumäniens  auf  unserer  Seite  beschleunizen
  Könnte.  Eine  endgültige  Klärung  der  Absichten  Italiens  erlaubt
auch  der  rumänischen  Regierung,  in  der  nächsten  Zukunft  am  Kriege  teilzunehmen.
  der  Ministerrat  wünsche  aber  «dureh  Verhandlungen  mit  der  Kaiserliehen
  Regierung  vorher  genau  die  Grenzen  der  zukünftigen  Neuerwerbungen
Rumäniens  festzustellen  und  ebenso  vorher  mit  uns  eine  Militärkonvention
abzuschließen,  die  u.  a.  auch  «lie  Frage  der  weiteren  Versorgung  der
rumänischen  Arme@  mit  Kriegsmaterial  vorsähe.  Die  Wünsche  der  rumänischen
tegieruug  bezüglich  der  zukünftigen  Grenze  sind  die  folgenden:

Im  Süden  wird  die  Grenze  bestimmt  von  der  Donau  bis  zur  Einmündung
der  Theid  und  geht  dann  an  letzterer  entlang  bis  zu  cinem  Punkte,  der  15  Kilometer
  oberhalb  Szegedins  legt:  von  hier  an  Debreezin  vorüber  bis  zur  Mündung
des  Samosz  in  die  Theiß,  weiter  entlang  der  Wasserscheide  der  letzteren  bis  zur
Grenze  Galiziens,  an  dieser  entlang  bis  zur  Bukowina  und  au  «ler  Grenze  der
letzteren  entlang  bis  zum  P’ruth.  den  die  rumänische  Regierung  als  endgültige
Grenze  zwischen  Rußland  und  Rumänien  schen  möchte.  Ich  erklärte  Bratianu,
daß  eine  solche  Grenze  das  Nationalitätenprinzip  an  drei  Stellen  verletzen
würde:  nämlich:  In  der  Bukowina,  im  Banat  und  in  Ügro-Rußland.  Pratianu
antwortete,  dab  er  hinsichtlich  Ugro-Rußlands  zu  Zugeständnissen  bereit  sci,
daß  aber  Jie  rumiwische  Regierung  der  Grenze  des  Fruth  und  der  Theiß  im
Banat  allererste  Bedeutung  zumißt  und  daß  im  Falle  unserer  Weigerung,  Rumänien
  die  Grenzlinie  dieser  Flüsse  zuzugestehen,  er  persönlich  keine  Verantwortung
  für  die  Teilnahme  Rumäniens  am  Kriege  übernehme  und  es  vorziehe,
bis  zum  Kriegsende  Neutralität  zu  wahren.  Was  den  Augenblick  des
rumänischen  Eingreifeus  anbelangt,  so  äußerte  Bratianu  seine  persönliche
Meinung  dahin.  daß  dieser  Zeitpunkt  durch  eine  Militärkonvention  bestimmt
werden  sollte  und  daß  im  Falle  einer  schnellen  Beendigung  der  bevorstehenden
Verhandlungen,  er  ungefähr  mit  dem  mit  Italien  verabredeten  Ternin  zusammenfallen
  werde.  In  dem  darauffolgenden  längeren  Gespräch  habe  ich
wich  natürlich  nicht  gescheut,  Bratianu  meine  Ansicht  darüber  auszusprechen,
daß  ich  die  rumänischen  Forderungen  für  übertrieben  und  die  genaue  Festsetzung
  einer  Frist  für  das  Eingreifen  Rumäniens  für  notwendig  halte.

gez.  Poklewski.
(Prawda  vom  31.  Januar  1918.)