Volltext : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

198

volksethmologische  Umdeutung  entstanden  sein,  da
man  sich  ja  die  heidnischen  Götter  als  Dämonen
und  diese  in  Bocksgestalt  vorzustellen  pflegte.  Zudem
lägt  die  mittelalterliche  Namensschreibung  nur  zu
sehr  Konstanz  und  Genauigkeit  vermissen.  So
schreibt  der  Stralsunder  Chronist  Berckmann
(gestorb.  1560)  Lubeg,  Lubegk  und  Lubeke  für
Lübeck,  Rostog,  Rostogk  und  Rostoch  für  Rostock.

Meine  Meinung  ist  also  die:  die  pommerschen
Orte  Belbuck  und  Zarnglaff  sind  alte  Kultstätten
der  Götzen  Belbog  und  Czernebog  (mit  dem  Beinamen
  Czarnoglowy).

Man  weiß,  daß  die  Christen  es  liebten,  Heiligtümer
  an  der  Stelle  niedergerissener  Götzentempel
zu  errichten,  um  so  desto  sicherer  die  Macht  der  bösen
  Geister  zu  brechen.

Aus  diesem  Zusammenhang  erhielten  wir  eine
nicht  ganz  zu  verachtende  Unterstützung  für  die
hier  vorgetragene  Anschauung,  daß  es  nicht  unwahrscheinlich
  sei,  in  dem  Pizamar  der  Knugtlingasaga
  sei  der  dbonus  deus  des  Helmold,  der
vielfach  angezweifelte  Belbog,  verborgen.

Unser  Dommerland

Schlußbetrachlung.

Die  vorstehenden.  Ausführungen  wollen  mit  dazu
beitragen,  das  noch  so  zerrissene  Bild  der  flawischen
  Mythologie  einheitlicher  zu  gestalten.  Es  ist
schon  viel  wert,  zu  wissen,  daß  wir  Einheit  in  den
religiösen  Vorstellungen  vermuten  dürfen.  Davon
wird  man  bei  der  Dürfligkeit  der  Quellen  ausgehen
  und  mit  Hilfe  der  Analyse  der  verschiedenen
Namen  und  Beinamen  sich  vorsichtig  vorantasten
müssen.  Ein  Schritt  vorwärts  ist  in  diesem  Sinne
die  Feststellung  von  Diels,  daß  der  Zuarasici
der  Obotriten  wie  ein  Patronymikon  zu  dem  altrussischen
  Svarog  aussieht.  Leider  ist  die  Bedeutung
  dieses  Svarog  fraglich.  Sollte  er  vielleicht
dem  Stvantewit  der  Rügianen,  als  Orakelverkünder,
  gleichen  und  sein  Name  aus  wyrok,  Orakel,
  mit  Präfir  Z  hervorgegangen  und  entstellt
überliefert  sein?  Dann  würde  man  wohl  mit  einer
Partizipialsorm  Zwyroczacy  orakelgebend
rechnen  dürfen.  Um  über  diese  und  ähnliche  Fragen
  zu  entscheiden,  wird  eine  umfassende  Kenninis
des  Altflawischen  sowie  der  Entwicklungsgesetze  der
slawischen  Sprachen  überhaupt  und  nicht  zuletzt  die
Divinationsgabe  eines  großen  Gelehrten  nötig  sein.

—.

——

Dolkshumor  und  Volksweisheit.

(Fortsetzung.)

In  den  Büschen  am  Waldesrand  hat  die  räuberische
  Elster  gerade  ein  Nest  mit  junger  Brut  erspäht
  umd  schreit:

„Göckerack,  Gckerack!

Besst  so  recht  na  ininen  Geschmack!"

Der  Junge  springt  auf  und  eilt  den  bedrängten
„Kaldutten“  zu  Hülfe;  er  kommt  noch  zur  rechten

Zeit,  und  ärgerlich  lachend  sucht  der  Näuber  das
Weite:

„Ha  ha  hal  Ha  ha  hal  Eck  eck  eck  eck!“
Die  Haubenlerche  aber  mahnt  den  Jungen:
„Häud!  Häud!"“
Und  wieder  legt  er  sich  ins  Gras  und  träumt  oder
hört  der  Goldammer  zu,  die  ihm  zum  Dank  unermüdlich
  beim  Neste  singt:
„Edel  edel  bün  ick!
Wat  sing  cck  so  fin!
Sühste  nich  den  dicken  fetten  Schlick?“

Von  Prof-  Dr.  A.  Brun  k.

oder  sich  teilnehmend  bei
digt:
„Varresche,  Varresche,  wo  is  denn  jug  Maricke?“

So  vergeht  der  Tag.  Der  Hund  kehrt  die  Kühe
zusammen,  und  die  Herde  macht  sich  auf  den  Heimweg.
  Unterwegs  hält  der  Junge  bei  seinem
Freunde,  dem  Schafhirten,  an,  um  ihn  mitzunehmen.
  Die  Lämmer,  die  auch  schon  Sehnsucht  nach
dem  Stalle  haben,  fragen:

„Gahn  wi  ball  heem?“

Die  Alten  trösten:
„'t  ward  balle  war'n!“

und  schließen  sich  mit  dem  Hirten  der  vorausschrei?
tenden  Kuhherde  an.  Daheim  drängt  sich  alles
durch  den  engen  Torweg;  dabei  hat  ein  Lämmechen
seine  Mutter  verloren  und  blart:

„Wo  's  min  Mänmmer  bläben?“

einer  Nachbarin  erkun-