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Mai; wenn auch Frankreich im Augenblick nicht so zugängig
ist, so wird es doch gern das Nationalitätsprinzip von Preußen
angenommen sehen. Mit den anderen Großmächten werde
ich auch leicht fertig werden, wenn ich die Annerion wirklich
will, namentlich bei Abtretung des jenseits von Haderleben
liegenden Teils von Nordschleswig. Aber diese Abtretung
ist nicht zu empfehlen, weil Deutschland nun einmal jenes
Land erworben hat, und ein Wiederaufgeben viel Aufsehen
machen würde. Die Unmöglichkeit der Annexrion beruht in
der Verkennung des Vorteils auf Seiten der königlichen Fa-
milie, namentlich in der Gegnerschaft des Kronprinzen. Unter
solchen Verhältnissen ist nichts zu machen, und wenn der Kron-
prinz, statt ein Mehrer des Reiches ein Minderer werden
will, so muß der preußische Ministerpräsident darauf bedacht
sein, eine solche Gesinnung des Thronerben nicht offiziell
werden zu lassen. Mithin muß die Annekion vermieden
werden, um den Kronprinzen nicht zu kompromitieren. Oester-
reich gegenüber werde ich meine Annekionspläne stets auf-
recht erhalten, damit es nachgiebiger wird; eher aber kann
man nicht zu Vereinbarungen über die preußischen Forderungen
mit dem Erbprinzen schreiten, als bis die Sache mit Wien im
Klaren ist. Oldenburg bietet viel mehr an, als Preußen über-
haupt zu fordern gesonnen ist. es bietet nicht nur eine Militär-
und Marinekonvention an, sondern es will sogar sein eigenes
oldenburgisches Truppenkontingent zu einem preußischen
Korps hergeben, wodurch Preußen ein wichtiges Ueberge-
wicht über Hannover erlangen würde.“
Berlin, den 8. März 1865.
Unterredung mit dem Geh. Rat Max
Duncker, betr. die schleswig-holsteinische
Frage.--)
Max Duncker hatte sich bei Bismarck zunächst eines Auf-
trages zu entledigen, den ihm der Kronprinz erteilt hatte.
*) Nach Theodor von Bernhardi a. a. O. Bd. VI S. 264.
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