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Ratzeburg, den 25. September 1865.
Unterrebung mit einem Mitglied der
Lauenburgischen Stänbeschaft, betreffend
die Konservierung der Lauenburgischen Ge-
rechtsame. ")
Am Nachmittage des 25. September 1865, welchem am
nächsten Morgen in der Ratzeburger Petrikirche die Zeremonie
der Huldigung und des Treuschwurs der neuen Untertanen des
Königs folgen sollte, genoß Bismarck auf dem schönen Landsee
bei der Stadt Ratzeburg die laue Herbstluft in Gesellschaft
eines hervorragenden Mitgliedes der Lauenburger Stände-
versammlung. Da letzterer noch nichts von der Absicht einer
Bestätigung der Landesprivilegien gehört hatte und die Unge-
wißheit ihn bedrückte, so faßte er sich ein Herz und fragte:
„Apropos, Exzellenz, wie steht es mit unserem Rezeß? Ich
hoffe, daß Se. Majestät ihn bewilligen werden, ehe Sie unsere
Huldigung verlangen.“ —
Bismarck: „Ich vermute, daß der König dies nicht tun
wird.“
Der Lauenburger: „Dann werden wir uns morgen
mitten in der Kirche weigern, zu schwören.“
Bismarck: „Je nun, da werden die Herren morgen
mitten in der Kirche zu hören bekommen, daß sie der nächsten
preußischen Provinz einverleibt sind.“
In sein Quartier zurückgekehrt, entwarf Bismarck unver-
weilt ein königliches Dekret, welches die Einverleibung Lauen-
burgs in die Provinz Brandenburg verkündigte, und für den
Fall, daß die Herren Stände den Schwur und die „rechte Erb-
*) Nach Moritz Busch, Nat.-Ztg. Nr. 15 vom 11. Januar
1881, cf. auch Busch, „Unser Reichskanzler“ Bd. I S. 200.
Busch verdankte die Geschichte Lothar Bucher und dieser hatte
dieselbe von Bismarck erzählt bekommen.