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wiesen, frei und ungehindert und ohne sich überwacht zu
fühlen, seine Stimme abgibt, wird die Regierung vielleicht
mit Ausnahme der großen Städte — in der Regel auf eine
Mehrheit rechnen dürfen. Kinderkrankheiten werden aller-
dings mitunter vorkommen.“
Auf den Einwand, ob nicht gerade auf dem Lande bei
dieser Wahlart die Pfarrer einen ungebührlichen Einfluß er-
halten würden, erwiderte Bismarck: „Man hat einmal sagen
können: in Radetzkys Lager sei Oesterreich; ebenso darf man
mit vollem Rechte sagen: in den Zeiten nach Jena war
Deutschland in den protestantischen Pfarrhäusern; also dieser
Einfluß wird nur gut tun. Und was die katholischen Geist-
lichen betrifft, so habe ich auch zu ihnen das Vertrauen,
daß sie — wenigstens bei uns — vor allem Preußen sind,
und dann erst katholische Geistliche, die Polen und die im
Collegium Germanicum erzogenen, natürlich ausgeschlossen.
Aber alle Fünfer kann man nicht gerade machen.“
Varzin, ca. 10. Oktober 1868.
Unterredung mit dem Grafen Alexander
Keyserling, betreffend Bismarcks Ehrgeiz,
seine Ministerkollegen, die Eventualität
eines Krieges mit Frankreich, die Wieder-
herstellung einer französischen Republik, die
russischen Ostseeprovinzen.“)
Bismarck: „In meiner ersten Jugend bin ich ehrgeizig
gewesen, später hat aber dieses Gefühl bei mir ganz auf-
gehört, und nun ist mir die Politik und das ganze politische
Wirken ein Ekel! Es handelt sich um wichtige Verbesserungen
*) Graf Alexander Keyserling. Ein Lebensbild aus
seinen Briefen und Tagebüchern zusammengestellt von seiner Tochter
Freifrau Helene von Taube von der Issen. Bd. I S.
544—545.