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Potsdam, den 19. Oktober 1857.
Unterredung mit dem Prinzen von Preus-
sen, betreffend die Stellung des letzteren
zur preußischen Verfassung bei einem ein-
tretenden Thronwechsel.“)
Der Prinz von Preußen machte mit Bismarck einen
langen Spaziergang durch die neuen Anlagen und sprach mit
ihm darüber, ob er, wenn er zur Regierung komme, die Ver-
fassung unverändert annehmen oder zuvor eine Revision der-
selben fordern solle.
Bismarck sagte: „Die Ablehnung der Verfassung würde sich
rechtfertigen lassen, wenn das Lehnrecht anwendbar wäre,
nach welchem ein Erbe zwar an Verfügungen des Vaters, aber
nicht des Bruders gebunden ist. Aus Gründen der Politik
aber rate ich, nicht an der Sache zu rühren, nicht die mit
einer wenn auch bedingten Ablehnung verbundene Unsicherheit
unserer staatlichen Zustände herbeizuführen. Man darf nicht
die Befürchtung der Möglichkeit des Systemwechsels bei jedem
Thronwechsel hervorrufen. Preußens Ansehen in Deutschland
und seine europäische Aktionsfähigkeit würden durch den Zwist
zwischen der Krone und dem Landtage gemindert werden und
die Parteieinnahme gegen den beabsichtigten Schritt in dem
liberalen Deutschland würde eine allgemeine sein.“
Als Bismarck nach Sanssouci zurückkam, fand er Edwin
Manteuffel besorglich erregt über seine lange Unterhaltung
mit dem Prinzen und die Möglichkeit weiterer Einmischung
von Seite Bismarcks. Er fragte ihn, weshalb er nicht auf
seinen Posten nach Frankfurt ginge, wo er in der gegenwärtigen
Situation sehr nötig sein würde.
Bismarck: „Ich bin hier viel nötiger.““*)
*) Bismarck, „Gedanken und Erinnerungen“, Bd. I S. 197.
**“) Auch Gerlach erwähnt in seinen „Denkwürdigkeiten“,
Bd. II S. 543 die obenstehende Unterredung.