Full text: Also sprach Bismarck. Band I. 1846 - 1870. (1)

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Potsdam, den 19. Oktober 1857. 
Unterredung mit dem Prinzen von Preus- 
sen, betreffend die Stellung des letzteren 
zur preußischen Verfassung bei einem ein- 
tretenden Thronwechsel.“) 
Der Prinz von Preußen machte mit Bismarck einen 
langen Spaziergang durch die neuen Anlagen und sprach mit 
ihm darüber, ob er, wenn er zur Regierung komme, die Ver- 
fassung unverändert annehmen oder zuvor eine Revision der- 
selben fordern solle. 
Bismarck sagte: „Die Ablehnung der Verfassung würde sich 
rechtfertigen lassen, wenn das Lehnrecht anwendbar wäre, 
nach welchem ein Erbe zwar an Verfügungen des Vaters, aber 
nicht des Bruders gebunden ist. Aus Gründen der Politik 
aber rate ich, nicht an der Sache zu rühren, nicht die mit 
einer wenn auch bedingten Ablehnung verbundene Unsicherheit 
unserer staatlichen Zustände herbeizuführen. Man darf nicht 
die Befürchtung der Möglichkeit des Systemwechsels bei jedem 
Thronwechsel hervorrufen. Preußens Ansehen in Deutschland 
und seine europäische Aktionsfähigkeit würden durch den Zwist 
zwischen der Krone und dem Landtage gemindert werden und 
die Parteieinnahme gegen den beabsichtigten Schritt in dem 
liberalen Deutschland würde eine allgemeine sein.“ 
Als Bismarck nach Sanssouci zurückkam, fand er Edwin 
Manteuffel besorglich erregt über seine lange Unterhaltung 
mit dem Prinzen und die Möglichkeit weiterer Einmischung 
von Seite Bismarcks. Er fragte ihn, weshalb er nicht auf 
seinen Posten nach Frankfurt ginge, wo er in der gegenwärtigen 
Situation sehr nötig sein würde. 
Bismarck: „Ich bin hier viel nötiger.““*) 
*) Bismarck, „Gedanken und Erinnerungen“, Bd. I S. 197. 
**“) Auch Gerlach erwähnt in seinen „Denkwürdigkeiten“, 
Bd. II S. 543 die obenstehende Unterredung.
	        
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