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zu tun gehabt hatte, mit ein paar kühnen Pinselstrichen so
scharf zu zeichnen, daß sie leibhaftig vor einem standen. Oft-
mals gab er bei solchen Gelegenheiten Apercus zum Besten,
die in Gold gefaßt zu werden verdienten. Wenn sich an einer
Stelle der Plauderton zu einer auch durch den Tonfall charak-
terisierten bedeutsamen Stelle erhob, begleitete er sie gerne
mit einer Handbewegung, und er suchte bei seinen
Gästen zu ergründen, ob das Wort auf fruchtbaren
Boden gefallen, beziehungsweise gewürdigt worden war.
In den Verhandlungen, welche Bismarck unter vier
Augen mit Potentaten, Diplomaten, Kollegen, Untergebenen,
Parlkamentariern, Vertretern der Presse usw. führte, in der
Absicht, denselben seine Politik auseinander zu setzen, bezw.
sie für dieselbe oder für einen bestimmten Zweck zu gewinnen,
war derselbe unübertrefflich: gewöhnlich ließ er den zu sich
Berufenen an seinem Arbeitstisch ihm gegenüber Platz nehmen,
stellte nur selten zu seiner Information eine Frage, ging viel-
mehr sofort auf den Kern der Sache ein, mit einer wunderbaren
Klarheit seinen Gedankengang entwickelnd. In der Kunst,
die Sache so darzustellen, daß das, worauf er selbst hin-
steuerte, auch im Interesse desjenigen lag, mit dem er ver-
handelte, kam ihm keiner gleich. Vor der Verabschiedung
liebte es Bismarck, häufig, bereits stehend, das punctum
saliens mit zwei Worten noch einmal zu betonen, um jedes
Mißverständnis auf der andern Seite auszuschließen.
Diese Zwiegespräche lassen nicht blos die Zielpunkte des
leitenden Staatsmannes erkennen, sondern auch die Taktik,
deren er sich zu ihrer Erreichung bediente. Sie führen uns
mitten in die Werkstätte Bismarcks, und zeigen uns den Meister
bei der Arbeit, ein Mal alle Künste der Ueberredung an-
wenvend, ein anderes Mal streng didaktisch verfahrend, immer
gleichzeitig darauf bedacht, seinerseits zu erfahren, wie weit die
andere Partei eventuell zu gehen entschlossen war.