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von 1850 her, wo Persigny französischer Gesandter in Berlin
war. Bismarck fragte den französischen Staatsmann, den er
in seinem Kabinett antraf, in ernstem, fast feierlichen Ton nach
seiner Ansicht über die Angelegenheiten Preußens.
„Ich kenne die Rolle, welche Sie in der Geschichte des
zweiten Kaiserreiches gespielt haben, und kenne den Einfluß,
den Sie auf die Ereignisse, welche zum Triumph der napoleoni-
schen Sache geführt haben, ausübten. Ich erinnere mich der
Prophezeiungen, die Sie uns in Berlin machten und die
sich so wunderbar verwirklicht haben. Sie kennen Preußen und
den Stand seiner Angelegenheiten. Gestatten Sie mir also,
Sie zu fragen, wie Sie es anfangen würden, um aus der
schwierigen Lage, in der wir uns jetzt befinden, herauszu-
kommen. E
Diese Situation ist in der Tat sehr kritisch. Die liberale
Partei ist bei uns vollständig Herrin des Abgeordnetenhauses.
Aber die Unerfahrenheit dieser Partei ist ebenso groß und
ebenso gefährlich wie die Ihrer Nationalversammlung von
1789. In ihrem Streben nach Herrschaft bedroht diese Partei
nicht nur die Prärogative der Krone, sondern sie will auch das
Heer desorganisieren, welches die Lebenskraft des Königreichs
bildet. Wenn wir der Kammer nachgeben, so sind die Folgen
dieses Sieges der liberalen Partei leicht vorauszusehen. Sie
wird die konservative Partei vernichten, das Königtum demü-
tigen, das Heer desorganisieren und auseinanderreißen, dann
sich aber selbst zersplittern. Die ehrenwerten und gutgesinnten
Liberalen werden von den gewalttätigen und ehrgeizigen über-
flügelt werden; wir werden nach und nach Demagogen in
die Hände fallen und alles wird verloren sein. Leisten wir da-
gegen Widerstand, so sind dabei andere Folgen zu befürchten.
(dae Datum der Unterredung ist nicht näher angegeben; Bis-
marck war in Paris Botschafter von Mai bis September 1862).
Die von Persigny gegebene Version klingt in manchen Teilen
nich! sehr glaubwürdig und ist mit Vorbehalt aufzunehmen.