Full text : Sagenbuch des Königreichs Sachsen

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sondern  derselben  frech  seine  Liebe  entdeckt  und  verlangt,  sie  solle
ihm  zu  Willen  und  ihrem  Gatten  untreu  sein.  Die  hat  ihn  aber
kurz  abgewiesen  und  gedroht,  es  ihrem  Manne,  wenn  er  heim—
gekehrt  sei,  zu  entdechen.  Da  hat  er  ihr  die  erdichtete  Mär  vom
Tode  ihres  geliebten  Gatten  in  ferner  Schlacht  zugehen  lassen  und
nach  einiger  Zeit  seine  schändlichen  Anträge  erneuert,  ist  aber  abermals
  zurüchgewiesen  worden,  und  es  hat  ihm  die  fromme  Burgfrau
für  immer  den  Besuch  von  Helfenstein  untersagt.  Unter  schweren
Drohungen  ist  er  davongeritten;  allein  nicht  lange  hat  es  gedauert,
da  hat  er  eine  furchtbare  Gewitternacht  benutzt,  ist  mit  seinen  Raubgesellen
  unbemerkt  gen  Helfenstein  gezogen  und  hat  die  Burg  erstiegen
  und,  nachdem  die  wenigen  Getreuen,  die  sich  zur  Wehre
gesetzt,  gefallen  waren,  seine  Schwägerin  trotz  ihres  Sträubens  ergriffen,
  sie  mit  aufs  Roß  genommen  und  ist  eilig  davongejagt;
diese  aber,  weil  sie  keine  Hilfe  und  Rettung  mehr  gehofft,  hat  die
Gelegenheit  ersehen  und  ist  in  der  Aähe  eines  bei  Helfenstein  gelegenen
  Brunnens  vom  Nosse  heruntergeglitten  und  eilig  entflohen;
wie  sie  sich  aber  umgeschaut  und  jenen  ihr  schon  so  nahe  gesehen,
daß  Rkein  Entkommen  mehr  möglich  gewesen,  hat  sie  ihre  Seele  dem
Herrn  befohlen  und  sich  in  den  Brunnen  gestürzt.  Der  böse  Schwager
aber,  wütend,  daß  sein  Bubenstück  mißlungen,  und  den  Zorn  seines
Bruders  fürchtend,  ist  umgekehrt  und  hat  das  Schloß  von  seinen
Raubgesellen  in  Brand  stechken  lassen,  dann  aber  ist  er,  wie  von
den  Furien  der  Rache  gejagt,  davongeritten.  Weit  leuchtete  aber
die  Brandfackel  in  die  umliegenden  Täler  hinein,  und  auch  ein
Trupp  Reisige,  der  seines  Wegs  zog,  gewahrte  sie;  das  waren  der  Herr
von  Helfenstein  und  seine  Mannen,  die  heim  aus  fernen  Kämpfen
zogen.  Sie  jagten  wohl,  was  die  Pferde  laufen  mochten,  allein
sie  Kamen  doch  erst  an  den  Toren  an,  als  alles  zerstört  und  bis
auf  wenige  Mauern  niedergebrannt  war,  und  ein  alter  verwundet
zurückgebliebener  Knappe  berichtete  seinem  Herrn  die  schreckliche
Kunde.  Da  hat  dieser  Schwert  und  Schild  abgelegt  und  ist  in  ein
Kloster  gegangen,  für  die  Seele  seiner  treuen  Gattin  zu  beten;  sein
schändlicher  Bruder  aber  hat  nirgends  im  Lande  Schutz  finden
können,  sondern  die  Strafe  hat  ihn  bald  ereilt,  und  er  hat  mit
seinen  Genossen  seine  Untat  auf  dem  Rade  büßen  müssen.