88 Das Rumpfparlament und der Ausgang des deutschen Verfassungswerkes.
Verfassungskonflikts, der 1862 in Preußen wegen der Armeereorganisation zum
Ausbruch kam.
Trotz der hieraus erwachsenen Schwierigkeiten ist seitdem unablässig an
der Verbesserung des preußischen Heerwesens gearbeitet worden. Die Mobil-
machung der preußischen Armee während der drohenden Kriegsaussichten zur
Zeit des italienischen Krieges (1859), welcher Italien in Besitz der Lombardei
brachte, hatte zur Erkenntnis mancher Mängel im Heerwesen, besonders in der
Landwehrverfassung, geführt, in deren Beseitigung eine der Hauptaufgaben des
nächsten Jahrzehnts bestand. Dieser emstlich angestrebten Bereitschaft zum
Kriege und den Vorbereitungen zu letzterem im Frieden hat Preußen seine
späteren großen Erfolge zu danken gehabt.
Außerlich schienen Osterreich und Preußen ausgesöhnt; aber die Wunde
von Olmütz schmerzte noch, und die sichere Voraussicht, daß der noch einmal
künstlich hergestellte Deutsche Bund bei dem nächsten Sturme doch zusammen-
brechen und daß der Streit zwischen Preußen und Osterreich schließlich doch mit
den Waffen ausgefochten werden müsse, ließ es zu einer aufrichtigen Versöhnung
nicht kommen. Noch vierzehn Jahre dauerte die Gegnerschaft der zwei Groß-
staaten Deutschlands fort, bis endlich der unselige Streit zum Heile der deutschen
Nation zum Austrag gelangte — auf welche Weise und mit welchem Erfolge,
werden wir im nächsten Abschnitte lesen.
Wie viel Freudiges und Schmerzliches Deutschland während dieser Zeit
betroffen, wie oft auch böse Nachbarn sich in unfre Angelegenheiten eingemengt
und hineingeredet und Deutschlands Selbständigkeit bedroht haben, alle braven
Deutschen hielten unentwegt fest an der erhabenen Idee der deutschen Einheit,
die früher oder später doch errungen werden müsse, und die besten Männer
lebten der zuversichtlichen Hoffnung, daß diese Stunde nicht mehr fern sei.